Die Sanierungsvoraussetzungen für die Bayerischen Motoren Werke AG, München, sind finanziell geschaffen. Eine zumeist sachliche Argumentation beherrschte die Hauptversammlung am 30. November – im Gegensatz zu den teilweise turbulenten Auseinandersetzungen vor etwa einem Jahr, als eine Aktionärsminderheit den seinerzeitigen Sanierungsvorschlag zu Fall gebracht hatte. Diesmal stimmten dem Vorschlag 95,73 vH der anwesenden Stimmen zu. Nach dem Plan wird das Aktienkapital 4 : 3 von 30 Millionen DM auf 22,5 Mill. DM herabgesetzt und dann auf 45 Mill. DM erhöht. Die Aktionäre erhalten ein Bezugsrecht 1 : 1 zu 140 vH, ebenso wie die Inhaber der 15 Mill. DM Wandelschuldverschreibungen.

Nachdem die angestrebte Anlehnung an einen Partner der Auto- oder Triebwerksbranche trotz intensiver Verhandlungen bislang nicht gelungen ist, wird sich zeigen müssen, in welchem Ausmaß die Aktionäre von dem Bezugsrecht Gebrauch machen. Nicht ausgeübte Bezugsrechte der Aktionäre nimmt ein Auffangkonsortium, bestehend aus dem Bankhaus Trinkaus, Düsseldorf, der Frankfurter Bank und der Quandt-Gruppe als Großaktionär zu (nur) 150 vH auf; sie werden für zwei Jahre zur Verfügung der Verwaltung gehalten, um sie einem späteren möglichen Partner anzubieten. Wie Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Semler betonte, sei die Suche nach einem Partner, der die Selbständigkeit von BMW nicht gefährdet, nicht ohne Ergebnis gewesen; Die Gespräche mit American Motors hätten den Weg für eine künftige gute Zusammenarbeit offengelassen. Mit der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (MAN) habe sich ein erfreuliches und vertrauensvolles Verhältnis herausgebildet.

Mit den 50 Mill. DM Kapital aus der Transaktion soll nach den Worten Dr. Semlers ausschließlich der neue Mittelklassenwagen finanziert werden. Details über das Produktionsprogramm wurden mit dem Hinweis auf die wachen Ohren der Konkurrenz nicht gegeben. Investitionen für den Triebwerkbau sollen demnach aus den 50 Mill. DM nicht bestritten werden. Die laufende Ersatzbeschaffung für das bisherige Programm will man aus Abschreibungen finanzieren und das 20-Mill-DM-Darlehen der MAN wird der Betriebsmittelfinanzierung dienen. Den weiteren Bedarf hofft man durch Lieferantenkredite und kurzfristige Bankkredite zu decken. Dank dem Erfolg des Kleinwagens wird im laufenden Jahr ein Umsatz von 230 (170) Mill. DM erwartet und damit der für eine ausreichende Ertragssicherung notwendige Monatsumsatz von 20 Mill. DM knapp erreicht. Dr. Semler deutete an, daß Umsätze von 300 und 400 Mill. DM später im Bereich des Möglichen lägen und man dann in die Nähe der Dividendenzahlung kommen werde.

„Erschreckend primitiv“ nannte Dr. Prein von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre den Sanierungsvorschlag, „den ein kaufmännischer Lehrling hätte ebensogut ausarbeiten können“. Er sagte, die Quandt-Gruppe dürfe keinesfalls das Kommando bei BMW übernehmen und forderte Vertagung der Versammlung bis zur Vorlage des Abschlusses 1960 Sein Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Zu dem Verlangen eines Aktionärs aus Zürich, die Regreßpflicht früherer Verwaltungsmitglieder zu prüfen („Die Leute haben liederlich gewirtschaftet“), sagte Dr. Semler, es lägen derzeit keine konkreten Tatbestände für die Erhebung von Schadenersatzansprüchen vor. Ein Antrag auf Vertagung der Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat wurde abgelehnt. Die Verwaltung wurde sodann mit etwa jeweils 88 vH der Stimmen entlastet. Der Darmstädter Aktionär Nold gab zu beiden Beschlüssen ebenso wie zu den Sanierungsbeschlüssen Protest zu Protokoll.

Die weitere Kritik der Aktionäre befaßte sich mit der Kapitalzusammenlegung und der „Bevorzugung“ der Wandelobligationäre. Während ein Sprecher der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz den Sanierungsvorschlag als „optimale Lösung“ bezeichnete, meinte ein anderer Aktionär eine Zusammenlegung 2 : 1 und Wiedererhöhung 1 : 2 wäre „aufrichtiger“. Dem Vorschlag eines Aktionärs, die jungen Aktien unter Verzicht auf einen Kapitalschnitt zu 210 vH zu emittieren, widersprach die Verwaltung mit dem Hinweis, daß zu diesem Kurs kein Auffangkonsortium hätte gewonnen werden können. Eine Schlechterstellung der Obligationäre beim Bezug der jungen Aktien stehe nicht im Einklang mit den Anleihebedingungen. Dagegen will die Verwaltung die Anregung prüfen, den Aktionären für eine mögliche Rückgabe des Vermögens in der Sowjetzone (Eisenach) einen Besserungsschein zu geben.

Vor den Aufsichtsratswahlen betonte Dr. Semler, daß es sich um eine Übergangslösung handle. Das Mandat des Aufsichtsrats endet in der Hauptversammlung, die über den Jahresabschluß 1962 zu befinden hat. Zum Schluß der siebenstündigen Generalversammlung wurde mit knapp 96 vH der Stimmen folgender Aufsichtsrat gewählt: Dr. Johannes Semler, München, Dr. Ulrich Biel, Berlin, der als Vertrauter des ehemaligen BMW-Aktionärs Krages galt, sich aber von ihm gelöst haben soll, Valentin Heins, München und Dr. Peter Lach, München. Ferner Gerhard Wilcke, Frankfurt, der Vertreter der Quandt-Gruppe, die etwa 15 bis 20 vH des alten Kapitals halten dürfte, sowie Dr. Friedrich Mathern, Frankfurt, der Mentor der im Vorjahr erfolgreichen Oppositionsgruppe. t. r.