Der große Steuertermin vom 10. Dezember wird rund 6 bis 7 Milliarden DM in die Kassen des Staates befördern. Damit steht der Kreditapparat vor einer neuen Belastung, auch wenn für diesen Termin rechtzeitig vordisponiert worden ist. Für die Tendenz an den Aktien- und Rentenmarkten ist es wichtig, wie schnell die öffentliche Hand einen Teil dieser Milliarden in den Wirtschaftskreislauf zurückbefördert. Ein neuer Julius-Turm würde die Konjunktur weiter dämpfen – wenn nicht gar die bewilligungsfreudigen Bundestagsabgeordneten durch ihn veranlaßt werden, zu guter Letzt noch weitere Wahlgeschenke zu verteilen. Schließt der Staat die ihm im Dezember zufließenden Steuergelder für längere Zeit ein, dann sind die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen, die von der Auflockerung der Mindestreservenpolitik des Zentralbankrats ausgingen, gleich Null. Mit Recht hat die Börse auf den jüngsten Schritt des Zentralbankrates positiv reagiert. Nach einer mehr als einjährigen Politik der Geldabschöpfung gab die Bundesbank zum erstenmal wieder Liquidität frei. Wenn es sich auch nur um 250 bis 300 Mill. DM handeln mag, die den Banken zur freien Verfügung belassen bleiben, so glauben die Optimisten dennoch, von einer Wende in der Zentralbankpolitik sprechen zu können. Die weiteren Erwartungen sind auf eine nochmalige Diskontsenkung im Januar 1961 ausgerichtet. Mit dem Ablauf dieses Monats hofft man, die Geldmarkt-Engpässe zunächst hinter sich gebracht zu haben.

In der Erwartung einer stärkeren Anlagetätigkeit zum Jahresschluß schritt der Berufshandel in den letzten Tagen zu Vorkäufen. Diese sorgten für stabile Börsen, zumal die Verkaufsneigung des Publikums sehr viel geringer war als an den Börsentagen mit ausgesprochen schwacher Tendenz. Am Wochenbeginn verstärkte sich allerdings nieder die Zurückhaltung der Käufer, die nicht zuletzt über die Erkrankung des Bundeskanzlers beunruhigt waren. "Der Alte ist für die Börse 100 Punkte wert", sagte ein Börsianer. So hoch schützt er die Verluste ein, die ein plötzliches Ausscheiden des Bundeskanzlers aus seinem Amt den Aktenmärkten bringen würde. Jedenfalls vorübergehend. Solche Worte mögen pietätlos klingen, aber für die Börse ist nun einmal die Gesundheit eines Staatsmannes ein Bewertungsfaktor. Wie sehr sie den Kursverlauf beeinflussen kann, wurde zuletzt vor einigen Jahren eindrucksvoll anläßlich der plötzlichen Erkrankung Eisenhowers demonstriert. Damals gab es in Wall Street hohe Kursverluste. Da sie jedoch keinen wirtschaftlichen Hintergrund hatten, wurden sie relativ schnell wieder ausgeglichen, wie es immer der Fall zu sein pflegt, wenn eine Baisse ausschließlich politische Motive hat.

Die jüngsten Operationen an der Börse wurden mit großer Vorsicht vorgenommen. Die kurze Baisse-Periode vom November hatte erhebliche Kursverschiebungen gebracht, die oftmals lediglich zufallsbedingt waren. Eine Reihe erstklassiger Spezialpapiere war überdurchschnittlich unter Druck geraten, weil sich zur rechten Zeit kein Käufer fand, der bereit war, das Angebot aufzunehmen. Papiere mit engem Markt sollte man vernünftigerweise nur bei fester Tendenz verkaufen. Aber die Erfahrung zeigt, daß es nicht viele Anleger gibt, die sich bei steigenden Kursen von ihren Papieren zu trennen vermögen. Eine begreifliche Schwäche, die allerdings viel Geld kostet. Kurt Wendt