Des Herzogs rätselvolle Reise – Seite 1

Ein wichtiges Indiz im Anastasia-Prozeß War Ernst Ludwig von Hessen 1916 in Rußland?

Von Kurt Vermehren

Für einen Tatbestand, der bald 45 Jahre zurückliegt, sind lebende Augenzeugen selten geworden. Auch die nach strengsten Grundsätzen wissenschaftlich-kritischer Methodik arbeitende Geschichtsforschung wird auf Aussagen Dritter als Beweismittel nicht verzichten können, wenn diese Zeugen von wirklichen Augenzeugen – und nicht nur beiläufig – unterrichtet worden sind.

Der „Streit“ um die Reise des Bruders der Zarin, Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, im Krieg nach Zarskoje Selo, ins feindliche Ausland also, wird nur verständlich, wenn man auf das Jahr 1925 zurückgeht. Frau Anastasia Tschaikowski, heute der Öffentlichkeit als Anna Anderson bekannter, war damals als schwerkranke Frau (sie hatte Knochentuberkulose) von dem bekannten Philanthropen und katholischen Theologen Carl Sonnenschein, Berlin, zur Pflege und Betreuung der Schriftstellerin und Bildhauerin Harriet von Rathlef-Keilmann anvertraut worden. Die Künstlerin stellte sich die Aufgabe, aus den seltenen Lebens- und Wesensäußerungen der damals im Marienkrankenhaus zu Berlin liegenden Kranken ein möglichst vollständiges Bild ihres Schicksals zu gewinnen,

Im Laufe der Zeit ergaben sich wichtige Aufschlüsse über Kindheit, Einfluß der Revolution, Ermordung der Eltern und Geschwister, Flucht von Sibirien nach Rumänien, Heirat und Geburt, eines Sohns, Auflösung der Familie durch den gewaltsamen Tod des Mannes (Tschaikowski oder wie immer er gehießen hat), der sie gerettet hatte, Flucht von Bukarest nach Deutschland, Selbstmordversuch in Berlin, das Leben in der Nervenheilanstalt Dalldorf und das Leben hinterher bis zum Zeitpunkt der Übernahme der Pflegschaft 1925.

Ein „sehr wunder Punkt“

Je länger Frau von Rathlef ihre Beobachtungen und Aufzeichnungen machte, um so stärker wurde ihre Überzeugung, daß der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, der Bruder der Zarin, in Kenntnis dieser Aufzeichnungen sich nicht länger einer Begegnung mit der Kranken versagen würde und daß seine Anerkennung zwangsläufig das Ergebnis sein müsse.

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Frau von Rathlef hatte keine Beziehungen zum Hessischen Hof, aber die ihr befreundete Miss Marie Amy Smith aus Berlin, die ebenfalls die Kranke kennengelernt hatte, glaubte, mit einer Einführung durch die Familie von Unruh dem Großherzog das Manuskript der Frau von Rathlef überreichen zu können.

Bei den Vorbesprechungen stellte Miss Smith der Kranken die naheliegende Frage, wann sie ihren Onkel, den Großherzog von Hessen, zuletzt gesehen habe. Die prompte Antwort der Kranken: „Im Kriege bei uns zu Hause“ war für Frau von Rathlef und Miss Smith unglaubhaft. Beide konnten sich den Besuch eines deutschen Bundesfürsten und hohen Offiziers im feindlichen Ausland nicht als möglich vorstellen. Die Kranke war über diesen Zweifel verärgert und blieb fest bei ihrer Aussage unter Berufung auf Einzelheiten, ohne die beiden Damen überzeugen zu können.

Für Miss Smith war in Darmstadt der Großherzog nicht erreichbar, sondern nur der Oberhofmarschall Graf Hardenberg. Aber die Aussage der Kranken, daß sie ihren Onkel während des Krieges in Rußland gesehen habe, brachte Graf Hardenberg in große Erregung. Er bezeichnete die Äußerung als eine „Unverschämtheit“ und sagte wörtlich: „Das ist eine Katastrophe!“. Miss Smith gewann den Eindruck, daß sie mit der Erwähnung der Reise einen sehr wunden Punkt berührt habe, ohne sich die Zusammenhänge erklären zu können.

Die großherzoglich-hessische Familie hat im Kampf gegen den Identitätsanspruch der Frau Anderson bis heute immer wieder den Standpunkt vertreten, ihre Behauptung über diese Begegnung beweise, daß Frau Anderson eine Schwindlerin sei. Die Schwäche dieser Argumentation scheint den Hessen-Fürsten bis heute nicht bewußt geworden zu sein – welcher Schwindler operiert mit erfundenen Tatbeständen, deren Unrichtigkeit ihm nachgewiesen werden kann.

Im Sommer 1928 war Miss Smith Pensionsgast auf Schloß Seeon, wo Frau Tschaikowski monatelang in den Jahren 1927 und 1928 als Gast des Schloßherrn Herzog Georg von Leuchtenberg gelebt hatte. Miss Smith erzählte diesem von der Reaktion Graf Hardenbergs. Der Herzog erwiderte darauf wörtlich: „Und er war da, ich weiß es!“. Er erwähnte auch, daß er wiederholt, aber stets vergeblich den Großherzog von Hessen zu einem Treffen mit Frau Tschaikowski auf seinem Schloß aufgefordert habe.

Es ist befremdlich, daß der Hessische Hof von sich aus zuerst in der Presse die angebliche Reise des Großherzogs, über die bis dahin alle Wissenden geschwiegen hatte, als ein völlig unsinniges und schwindelhaftes Hirngespinst der Frau Tschaikowski hingestellt hat. Offenbar wollte Graf Hardenberg zum Schutz seines Fürsten einer sachlichen Veröffentlichung der Frau von Rathlef oder der Miss Smith zuvorkommen. Erst damit wurde die Reise zu einem öffentlich diskutierten Thema. Der Großherzog von Hessen aber hat bis zu seinem Tode keine präzise Erklärung über die Reise abgegeben. Auch seine Haltung gegenüber den Einladungen des Herzogs von Leuchtenberg wird erklärlich: Er wollte mit allen Mitteln vermeiden, von einem Augenzeugen auf seine Anwesenheit in Zarskoje Selo angesprochen zu werden.

Was Professor Zechlin zu dem befremdlichen Schweigen des Großherzogs an Erklärungen beisteuert, kann nicht überzeugen. Die geheime Reise, die der Großherzog unter dem Namen eines Fürsten von Thurn und Taxis gemacht hat, ist begreiflicherweise mit aller erdenklicher Vorsicht vorbereitet und ausgeführt worden.

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Zur Regelung der Paß-Formalitäten für seine Reise über Finnland hat der Großherzog die Hilfe des ihm bekannten kaiserlich-russischen Gesandtschaftsrates in Oslo, des Grafen Dimitrii Kotzebue Pilar, in Anspruch genommen. Der Gesandtschaftsrat hat seiner Schwester, der in Hamburg lebenden Baronin Maria Pilar berichtet, daß er dem Großherzog auf dessen Bitte einen Paß zur Reise nach Rußland verschafft und daß dieser die Reise unternommen habe. Heute kann nur noch der mündliche Bericht des inzwischen gestorbenen Grafen Kotzebue-Pilar von seiner Schwester bezeugt werden. Doch ihr Zeugnis kann nicht ingezweifelt werden.

Von einem Oberst erkannt

In einem Sanatorium an der finnisch-russischen Grenze wurde der Großherzog von Hessen von dem russischen Oberst Lar Larski erkannt. Larski war ein Vertrauensmann des russischen Kaiserpaares. Er kannte den Großherzog von Hessen schon vorher persönlich. Oberst Larski ist vor einigen Jahren gestorben. Er hat über seine Begegnung mit dem Großherzog von Hessen im Jahre 1916 dem Prinzen Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg am 14. April 1949 mündlich berichtet und seinen Bericht schriftlich bestätigt. Diese Bestätigung und das Zeugnis des Prinzen von Sachsen-Altenburg liegen vor.

Auch die Anwesenheit des Großherzogs in Zarskoje Selo ist nachweisbar. Baronin Nina von der Osten-Sacken in Berlin erfuhr von dem damaligen Zeremonienmeister am Zarenhof, dem inzwischen verstorbenen Baron Arthur von Buxhoeveden, daß der Großherzog von Hessen zu einem 24stündigen Besuch in Zarskoje Selo gewesen sei. Auch dieser Beweis für die Reise des

Großherzogs kann mit den Argumenten Professor Zechlins nicht entkräftet werden, wenn man mit den Maßstäben allgemeiner menschlicher Erfahrung die Glaubwürdigkeit von Mitteilungen bewertet, die hochgestellte, auf Vertrauen und Verschwiegenheit verpflichtete Persönlichkeiten im engsten Kreise weitergeben.

Inkognito beim Zaren

Auch Kronprinz Ruprecht von Bayern hat einmal beiläufig geäußert, daß ein deutscher Fürst, dessen Namen er nicht nennen wolle, inkognito beim Zaren gewesen sei, um Vorfühlung für einen Frieden zu nehmen. Für eine Friedensmission nach Rußland kam von den deutschen Bundesfürsten nur der Bruder der Zarin, der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, in Frage.

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Im Oktober 1955 hat die inzwischen verstorbene Kronprinzessin Cecilie von Preußen eine eidesstattliche Erklärung vertretenen Sie könne gegenüber der heute noch vertretenen Auffassung (der Großherzog von Hessen sei nicht in Rußland gewesen) aus eigener Kenntnis erklären, daß in ihren Kreisen damals schon der Besuch des Großherzogs bekanntgeworden sei. Ihre Quelle seien Äußerungen ihres Schwiegervaters Wilhelm II.

Deutsche Fürstlichkeiten von Rang waren also davon überzeugt, daß der Großherzog während des Krieges nach Rußland gefahren ist. Diese Argumente für die Reise können nicht mit den Argumenten Professor Zechlins entkräftet werden.

Offengeblieben ist bis hier noch der Zeitpunkt der Reise des Großherzogs. Dafür sind die Aufzeichnungen seines Flügeladjutanten, des Freiherrn von Massenbach, ein wichtige Quelle; in ihnen steht genau, an welchen Tagen im Jahr 1916 der Großherzog in Darmstadt, in Wolfsgarten oder im Felde war. Die längste Abwesenheit des Großherzogs von Darmstadt ist für die Zeit vom 17. Februar bis 9. April 1916 vermerkt. Daneben ist in der Rubrik „Bemerkungen“ hinzugefügt: „Im Felde bei Verdun“.

Eine so lange Frontfahrt des allem Soldatischen abgeneigten Großherzogs erschien auf den ersten Blick unwahrscheinlich. Die Zeitspanne dieser „Frontfahrt“ ist so lang, daß währenddessen auch eine eilige Reise nach Rußland stattfinden konnte. Wenn aber Professor Zechlin in der fortlaufenden Korrespondenz des Großherzogs mit der Großherzogin während dieser Frontreise den Beweis dafür gefunden zu haben glaubt, daß in dieser Zeit der Großherzog nicht in Rußland gewesen ist, so wird man ihm folgen dürfen – so lange nicht feststeht, daß diese Korrespondenz der Tarnung der Reise dienen sollte.

Es ist jedoch möglich, daß die Reise noch zu einem anderen Zeitpunkt im Jahre 1916 unternommen wurde. Nach den Aufzeichnungen des Adjutanten kommen dafür die Tage vom 7. bis 21. Oktober 1916 in Frage. Für diese Zeit ist jede Anmerkung, wo Darmstadt verzeichnet ohne jede Anmerkung, wo sich der Großherzog befunden hat. Diese Version für den Reisetermin hat jüngst eine Stütze erfahren durch das Buch „Aus den Kriegstagebüchern des Chefs des Marinekabinetts im 1. Weltkrieg, Admiral Georg Alexander von Müller“, herausgegeben von dem Historiker Walter Görlitz. Dort steht auf Seite 226 in einer Fußnote:

„Vermutlich bezieht sich der Kaiser hier auf die verschiedenen Versuche, durch Vermittlung des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, des Bruders der Zarin, und des dänischen und schwedischen Hofes mit dem russischen Zaren Nikolaus II. wieder ins Gespräch zu kommen. Wahrscheinlich scheint auch, obwohl der endgültige Beweis dafür fehlt, daß der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen im Spätherbst 1916 (mit Wissen des Kaisers?) inkognito in Zarskoje Selo bei Petersburg gewesen ist, um einen Vermittlungsversuch zugunsten eines Sonderfriedens zu machen (Anm. d. Hsg.).“

Die letzte Frage ist, ob die Reise durch die geistige und politische Haltung des Großherzogs motiviert werden kann. Professor Zechlih hat in einem Artikel („DIE ZEIT“ vom 27. März 1956) beachtliches Material für die Bemühungen des Großherzogs von Hessen um einen Friedensschluß zusammengetragen. Zwei Missionen waren vom Großherzog zumindest mitinspiriert: die von Dr. Kranzbühler nach Stockholm und die von Frau Wasiltschikowa an den russischen Hof; mit beiden wurde nichts erreicht. Es entsprach aber dem Charakter des Großherzogs, daß er sich durch Mißerfolge nicht abschrecken ließ. Er hielt einen Sonderfrieden für notwendig. Die persönliche Einwirkung auf Schwester und Schwager mochte er als letztes Mittel betrachten.

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Fragen ohne Antwort

Daß eine Reise des Großherzogs ins feindliche Ausland lange und sehr sorgfältig vorbereitet werden mußte, liegt auf der Hand. Was dieser Reise an geheimster Korrespondenz mit der anderen Seite über neutrale Mittelspersonen vorangegangen ist, läßt sich nur vermuten. Es mußte sichergestellt sein, daß der Großherzog nicht reiste, ohne seinen Bestimmungsort auch wirklich zu erreichen.

In welchem Umfang die amtlichen deutschen Stellen über die Reise unterrichtet und an ihrer Durchführung beteiligt waren, ist eine offene Frage. Ob der Kaiser als Oberster Kriegsherr zugestimmt hat oder nur Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg, ob der Generalquartiermeister unterrichtet und einverstanden war – alle diese Fragen sind bisher nicht authentisch beantwortet.

Die Vermutung liegt nahe, daß die starke Abneigung des Großherzogs von Hessen und seiner Schwester, der Zarin, gegen Kaiser Wilhelm II. schließlich diese Reise ermöglicht hat. Aber die Frage, welche Friedensvorschläge der Großherzog dem Zarenpaar mit Aussicht auf Erfolg unterbreiten konnte, ist nicht bekannt. Ob bei dem inoffiziellen Charakter dieser ganz geheimen Reise dokumentarisches Material überhaupt existiert hat und – wenn ja – ob jemals aus hessischen und russischen Archiven solche Papiere auftauchen, bleibt offen.