Von Gottfried Sello

Der Titel und die Idee des Bildes stammen von Klopstock. „Die Lehr-Stunde“, Ode von 1775, also schon etwas veraltet, ist keine moderne Lyrik, als Runge 1801 sein Blatt zeichnet, den ersten Entwurf seiner „Lehrstunde der Nachtigall“, mit der er lange zu tun hat. Viele Entwürfe, getuschte Federzeichnungen, Detailstudien entstehen, bis 1803 das erste Ölbild fertig ist und 1805 die zweite Hamburger Fassung. Die Verse waren ihm in den Sinn gekommen, er schrieb sie auf und zeichnete eine Figur dazu, zwei Figuren, eine Doppelfigur – ohne im geringsten vorauszusehen, was aus dem Einfall sich ergeben würde.

„Flöten mußt du, bald mit immer stärkerem Laute,

Bald mit leiserem, bis sich verlieren die Töne;

Flöten, flöten, bis sich bei den Rosenknospen Verlieren die Töne.“

Runge schreibt die Verse so auf das Blatt hin, wie er sie im Gedächtnis hat, nicht ganz wörtlich. Er wiederholt das „Flöten“ gleich in der ersten Zeile, statt in der vierten. Er schreibt: daß es die Wipfel „durchhallt“ statt „durchrauscht“ – der feierliche Klopstocksche Klang wird ein bißchen leichter.

„Die Erinnerung der obigen Zeilen aus der Ode: Die Lehrstunde, welche er früher in Hambuig hatte lesen hören, veranlaßte in Dresden die Entwerfung dieses Bildes, des eigentlich ersten, das er in Farben ausgeführt hat“, berichtet Bruder Daniel. Daniel ist der Älteste der neun Geschwister Runge, ein zuverlässiger, stiller, bescheidener Malerbruder, der sich als Werkzeug betrachtet, den Jüngeren, Genialen und oft sehr Hilflosen zu dienen. Er ist erst Philipp Ottos geistiger Mentor, später sein glühender Bewunderer, der am Tag, als der Bruder stirbt, vollkommen zusammenbricht, dann dreißig Jahre lang den Nachlaß betreut, sogar den Mut faßt, einen klugen Brief an Goethe zu schreiben, wegen Herausgabe des Nachlasses mit dem Briefwechsel zwischen Goethe und Runge. Daniel gibt schließlich 1840 die „Hinterlassenen Schriften von Philipp Otto Rmge, Mahler“ heraus, zu einer Zeit, als der Maler vollkommen vergessen ist und niemand sich für ihn interessiert.