An der Frankfurter Börse sind in diesem Jahr Aktien einiger österreichischer Gesellschafter! in den „Freiverkehr“ aufgenommen worden. Es sind durchweg Papiere, die auch in Wien als Favoriten gelten. Über die beiden Werte aus der steirischen Brauindustrie, Gösser und Reininghaus, wurde bereits unlängst berichtet; hier kann das Geschäft schon deshalb nicht groß sein, weil sich die Mehrheiten in festem Familienbesitz befinden. – Der Materialmangel ist auch die Hauptursache für die vergleichsweise Überbewertung, wie sie auch in unserer Tabelle wieder zum Ausdruck kommt.

Diesmal soll über die finanzielle und markttechnische Lage der drei anderen österreichischen Werte im Frankfurter Freiverkehr gesprochen werden, die wesentlich interessanter sind. Sie sind übrigens auch die einzigen Papiere, für die an der Wiener Börse ein fließender Handel besteht (während für alle anderen Papiere nur jeweils ein Kurs am Börsentag festgesetzt wird).

Der Größe nach steht die Steyr-Daimler-Puch AG an der Spitze, deren derzeitiger Jahresumsatz auf 2 1/2 Milliarden Schilling geschätzt wird und ein ansehnliches Sortiment umfaßt (Traktoren, Lastkraftwagen, Personenautos im Assembling mit Fiat-Turin, Steyr-Puch-Kleinwagen, Motorräder, Fahrräder, Kugel- und Rollenlager). Die Anlagen standen Ende 1959 mit 406 Mill. zu Buch; von 695 Mill. Investitionen in den letzten fünf Jahren wurden 606 Mill. abgeschrieben, so daß man also sehr hohe stille Reserven voraussetzen kann. Aber schon die offenen Rücklagen erreichen 123 Mill., also fast das Vierfache des Grundkapitals von 320 Mill. Einem Umlaufvermögen von 1810 Mill. stehen Verbindlichkeiten und Rückstellungen von nur 423 Mill. gegenüber. Die Finanzstärke ist also enorm, und das sichtbare Eigenkapital sowie die nachweisbaren stillen Rücklagen ergeben einen höheren Substanzwert, als im Kurs zum Ausdruck kommt. – Vom Aktienkapital sind etwa 45 vH im Besitz der Creditanstalt-Bankverein. Andere Pakete dürften nicht sehr groß sein, und mehr als die Hälfte ist offensichtlich Streubesitz mit einigen größeren Spekulationsposten auch in der Bundesrepublik.

Die „Semperit“ Österreichisch-Amerikanische Gummiwerke AG, Wien, gehört zu den wenigen Unternehmen, die Umsatzzahlen nennen, zuletzt für 1959 mit 1335 Mill. gegenüber 1160 Mill. im Jahr vorher. Ende 1959 stehen die Anlagen mit 206 Mill. zu Buch, die offenen Rücklagen betragen 210 Mill. neben 179,8 Mill. Aktienkapital, das unlängst auf 200 Mill. erhöht wurde. Von 440 Mill. Investitionen in den letzten fünf Jahren wurden 331 Mill. abgeschrieben. Bis 1963 sollen weitere 538 Mill. investiert werden, die zum großen Teil wieder aus Betriebserträgen kommen und mit 200 Mill. durch eine unlängst begebene Wandelanleihe zu decken sein werden (Umtauschmöglichkeit in Aktien im Verhältnis 4 : 1). Auch hier ergeben sich also Substanzchancen. Einem Umlaufvermögen von 510 Mill. stehen etwa 300 Mill. Verbindlichkeiten gegenüber. – Vom Aktienkapital dürften etwa 55 vH bei der Creditanstalt-Bankverein liegen, was bereits einen Abbau eines früheren noch größeren Anteiles bedeutet, wobei etwa 4 vH in den der Creditanstalt nahestehenden Investment-Fonds gekommen sind. Wenn man noch einige kleinere feste Pakete berücksichtigt, wird man das flottante Material nicht höher als mit 20 bis 25 vH annehmen können.

Die Perlmooser Zementwerke AG nennt das Anlagevermögen Ende 1959 mit 329 Mill. Man hat in den letzten fünf Jahren 225 Mill. investiert und 249 Mill. abgeschrieben, so daß die Anlagen trotz Ergänzung und Erneuerung heute tiefer bewertet sind als in der Schillingeröffnungsbilanz, also ansehnliche stille Rücklagen einschließen. Die offenen Rücklagen werden mit 152 Mill. ausgewiesen bei 194,8 Mill. Aktienkapital. Einem Umlaufvermögen von 109 Mill. stehen Verbindlichkeiten und Rückstellungen von 75 Mill. gegenüber. – Vom Aktienkapital sind wohl mindestens zwei Drittel in festen Händen, vor allem im Besitz der Österreichischen Länderbank; etwa 25 Mill. Nennwert dürfte eine Schweizer Holding haben, ein kleinerer Anteil liegt beim Wiener Bankhaus Schoeller. Die Creditanstalt dürfte hier nur über Depotaktien verfügen. Jedenfalls ist nur ein kleiner Anteil im Handel.

Die Gewinn- und Verlustrechnung kann für eine Börsenbetrachtung nicht sehr interessant sein. Der Reingewinn ist ganz offensichtlich, hier wie auch sonst, auf die schmale Dividende abgestellt. Für die Ertragskraft sind die erwähnten Abschreibungen (gleichzeitig als Steuerhilfe für die großen Investitionen) entscheidend. Das heißt, der Kurs wird so gut wie ausschließlich durch Substanzerwägungen bestimmt. Die Rendite liegt für die hier betrachteten Werte meist nicht wesentlich über 1 vH und reicht höchstens in die Nähe von 2 vH herauf. Da in der Steuergesetzgebung kaum eine Änderung zu erwarten ist, wird sich auch die Investitions- und Dividendenpolitik nicht ändern, und man sieht alle Kurschancen in der Substanz, aber mit Recht, denn man wird eben weiter über Abschreibungen investieren.

Angesichts dieser Tendenz hat es für die drei hier betrachteten Werte auch nicht viel zu sagen, daß die Kurse von Ende November etwas unter den diesjährigen Höchstkursen liegen; bei Semperit ist noch der Abschlag des Bezugsrechtes für die Neuemission zu berücksichtigen. Für die früher behandelten zwei Brauereien ist aber auch in diesem Zusammenhang zu wiederholen, daß sie im Substanzgehalt und Investitionsausmaß nicht an die drei anderen Spitzenwerte heranreichen, also vergleichsweise überhöht notieren, andererseits aber auch für deutsche Käufer ausgesprochene Liebhaberwerte darstellen, und dies schon seit Jahrzehnten. J. B.