R. S. Bonn, im Dezember

Das törichte Wort vom deutschen „Wirtschaftswunder“ hat in Washington offenbar in vielen Köpfen ziemliche Verwirrung gestiftet: Ganz offensichtlich wird am Potomac der Inhalt des westdeutschen Portemonnaies enorm überschätzt. Das zeigte sich schon bei der verunglückten Mission des amerikanischen Finanzministers Anderson in Bonn, und es hat sich von neuem bei den Verhandlungen erwiesen, die in der Bundeshauptstadt seit letzter Woche mit Pentagon-Vertretern geführt werden.

Die Bundesregierung hatte Finanzminister Anderson neben einem deutschen Beitrag zur Entwicklungshilfe in Höhe von fast vier Milliarden Mark angeboten, weitere deutsche Waffenkäufe in den Vereinigten Staaten vorzufinanzieren und sich an dem amerikanischen Hilfsprogramm für die finanziell schwachen NATO-Partner – vor allem Griechenland und die Türkei – zu beteiligen. Die beiden Pentagon-Vertreter Kuss und Forman hatten den Auftrag, mit dem Bundesverteidigungsministerium den ungefähren Umfang dieser Angebote Und die technischen Einzelheiten zu besprechen. Dabei forderten die beiden Unterhändler einen Beitrag der Bundesrepublik von etwa 2,5 Milliarden Mark als Vorfinanzierung für Waffen- und Ausrüstungskäufe und als deutschen Beitrag für das amerikanische Hilfsprogramm an die Türkei und Griechenland.

Das freilich ist ein Mehrfaches dessen, was die Bundesrepublik zu leisten imstande ist. Die Bundesregierung ist bereit, einige hundert Millionen Mark für diese Zwecke aufzubringen, aber nicht 2,5 Milliarden. In Bonn, wird darauf hingewiesen, daß die Bundesrepublik auf ihrem amerikanischen Rüstungskonto für bestellte, aber noch nicht gelieferte Waffen und Ausrüstungsgegenstände ja schon ein Guthaben von ungefähr 2,5 Milliarden Mark hat. Würde sie weitere 2,5 Milliarden in diesen Topf hineinlegen, dann wäre sie fortan nicht mehr in der Lage, bei einem anderen NATO-Partner noch irgendwelche Waffen oder Ausrüstungsgegenstände zu kaufen. Über die politischen und psychologischen Folgen einer solchen Auftragseinschränkung braucht man kein Wort zu verlieren.

Die Bundesregierung ist bereit, außer den erwähnten Beiträgen zur Entlastung der amerikanischen Zahlungsbilanz unsere Nachkriegsschulden in Höhe von etwa 600 Millionen Dollar sofort zurückzuzahlen. Sie will ferner den Import amerikanischer Waren erweitern, und außerdem soll ein höherer Beitrag zur NATO-Infrastruktur geleistet werden. Dies alles, einschließlich der vier Milliarden Mark für die Entwicklungshilfe und der weiteren Vorfinanzierung von Waffenkäufen, macht immerhin an die sieben Milliarden Mark aus. Dazu kommt noch die Ausweitung des Importvolumens. Das ist schließlich kein Pappenstiel – nicht für die Vereinigten Staaten und erst recht nicht für die kleine Bundesrepublik.