Hausfriedensbruch oder nicht? – Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen wieder einmal langsam

F. L., Ingelheim

Es ist ein stiller Frühnachmittag in Ingelheim. Vor dem Haus des Dr. L. hält knatternd ein Motorrad. Der Leiter der Kriminalstelle Ingelheim/Rhein, Kriminalmeister Schmitt, und ein uniformierter Polizist steigen ab. Der Polizist postiert sich vor der Tür. Die Straße hat ihre Sensation: „Bei Dr. L. wird einer verhaftet.“ Nach einiger Zeit erscheint Schmitt wieder, allein.

Was war geschehen? Der 16jährige Sohn des Hauses hatte in der Jugendherberge in Bacharach einen jungen Wanderer getroffen und ihm seine Adresse gegeben. Daß dieser Junge – ob als Ausreißer oder als Krimineller war nie zu erfahren – von der Polizei gesucht wurde, hatte er nicht geahnt. Der geheimnisvolle Wanderer war der Polizei auch in Bacharach entwischt, aber er hatte sein Notizbuch mit der Adresse zurückgelassen. Und die Adresse hatte die Polizeiaktion der Kriminalpolizei Ingelheim ausgelöst.

Schmitt erscheint ohne richterlichen Haft- oder Durchsuchungsbefehl. Im Haus selbst verhielt er sich so, daß gegen ihn Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch im Amt erstattet wurde. Die Generalstaatsanwaltschaft in Koblenz läßt die Anzeige vom 4. März 1957 über ein Jahr lang liegen, bis sie an die Erledigung gemahnt wird. Am 19. April 1958 verfügt die Staatsanwaltschaft Mainz die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens, aber entgegen der Regel nicht etwa die Vernehmung des Beschuldigten, sondern erst einmal die richterliche Vernehmung der inzwischen nach Stuttgart verzogenen Zeugen. Die dem Richter übersandten Akten sind aber – die Vernehmung des Beschuldigten war ja unterlassen worden – so dürftig, daß dieser sie postwendend zurückschickte und um konkrete Anträge auf Vernehmung gem. § 162 StPO bittet. Der Richter, Assessor Gollnick, kann es sich aber nicht versagen, seinem Schreiben folgenden wenig richterlichen Passus einzufügen:

„Im übrigen erlaube ich mir, darauf hinzuweisen, daß von den benannten Zeugen mehr Dichtung als Wahrheit zu erwarten ist, nachdem die Ereignisse schon lange zurückliegen und das Interesse der Familie L. vermutlich dahin geht, dem Schmitt eins auszuwischen

Aussage im Protokolldeutsch