Wer unseren Gesprächen am Bankschalter in den letzten Wochen aufmerksam gefolgt ist, kann den Eindruck gewonnen haben, daß man erstens bei der Vermögensanlage jedes Risiko meiden und daß man sich zweitens hüten sollte, ausländischen Stellen Geld anzuvertrauen. Derartige Verallgemeinerungen wären natürlich unsinnig. Wer in der Lage ist, bei der Anlage seiner Ersparnisse, ein Risiko einzugehen, sollte ruhig einmal zur Verbesserung seiner Gewinnaussichten den Faktor „Sicherheit“ an die zweite Stelle setzen. Nur man muß eben wissen, daß Risiko auch Verlust bedeuten kann. Einbußen kann man bei inländischen, aber auch mit ausländischen Wertpapieren erleiden. Wenngleich sich natürlich das Risiko bei inländischen Werten im allgemeinen besser abschätzen läßt als bei den Auslands-Aktien. Wozu ich jedoch mahne: Seien Sie allen Anlagevorschlägen gegenüber vorsichtig, die von unbekannten Stellen gemacht werden.

Seit mehr als 18 Monaten werden in der Bundesrepublik Zertifikate des Oppenheimer Fund, Inc., abgesetzt. Dieser Fonds wurde im Oktober 1958 von der Firma Oppenheimer & Co, New York, gegründet, die u. a. auch in Frankfurt/Main eine Vertretung unterhält. Die Leute vertreiben ihre Zertifikate direkt von Deutschland aus; sie sind deshalb auch für die Zertifikatsinhaber leicht ansprechbar. Treuhänderin des Fonds ist die Grace National Bank of New York.

Bei den Oppenheimer Fund handelt es sich um eine Einrichtung besonderer Art. Seine Satzungen erlauben ihm praktisch alles, was auf dem Gebiet der Wertpapieranlage möglich ist. Er kann in gewissen Grenzen Anlageschwerpunkte bilden, also ohne Rücksicht auf die Gesichtspunkte der Risikostreuung die bei den üblichen Investment-Fonds die Hauptrolle spielen müssen, Papiere erwerben, wenn die Leitung meint, daß in diesen Werten ein besonderes Geschäft liegt. Der Fonds kann auch Baisse-Spekulationen machen, also den größten Teil seiner Papiere veräußern, um dann später zu niedrigen Kursen wieder einzusteigen. Er kann sogar Bankkredite aufnehmen, um die Gewinnchancen zu erhöhen. Kurz und gut, die Fonds-Leitung kann nach Strich und Faden spekulieren, ohne durch Satzungen gehemmt zu sein. Das hat natürlich viele Vorteile, ist jedoch für den Anleger nicht ohne Risiko. Denn Spekulationen können auch schief auslaufen.

Nun wird die Fonds-Leitung kaum so töricht sein, alles auf eine Karte zu setzen, sondern stets auf ein Mindestmaß an Sicherheit Wert legen. In den USA stehen über 200 Investment-Gesellschaften im Wettbewerb. Daß die deutschen Investment-Gesellschaften, hinter denen ausschließlich deutsche Banken stehen, den Oppenheimer Fund nicht sonderlich schätzen, ist begreiflich. Er hat es deshalb weder in den USA noch bei uns leicht. Wenn er sich durchsetzen will, muß er besondere Leistungen zeigen.

Der Fonds ist nichts für Sparer, die mit Hilfe der jährlichen Ausschüttungen ihren Lebensstandard aufbessern wollen. Nach seiner Zielsetzung ist der Oppenheimer Fund auf die Kapitalvermehrung ausgerichtet. In den ersten 18 Monaten ist der Verkaufspreis seiner Zertifikate von 10 Dollar auf 12,85 Dollar je Stück gestiegen. (Ausgeschüttet wurden per 31. Dezember 1959 eine Dividende von 6 Cents pro Zertifikat.) Der Wertzuwachs beträgt also über 20 vH. Mit deutschen Augen gesehen ist das nicht gerade erschütternd viel, denn ohne sonderlich spekulativ gewesen zu sein, konnte man in der gleichen Zeit an der deutschen Börse erheblich höhere Gewinne erzielen. Die rein deutschen Fonds haben deshalb auch weit besser abgeschnitten als der Oppenheimer Fund.

Wenn man den Oppenheimer Fund jedoch gerecht beurteilen will, muß gleichzeitig berücksichtigt werden, daß der Dow Jones-Index vom Mai 1959 (damals wurden die Oppenheimer Zertifikate erstmals angeboten) vom Stand 630 auf nunmehr 590 gefallen ist. Da das Fonds-Vermögen überwiegend, in US-Werten angelegt wurde, mußte der Verlauf der US-Börsen in den letzten Monaten die Anlagedispositionen erschweren.

Seit rund einem Jahr, wartet man in den USA auf den Wiederanstieg der Aktienkurse. Zuerst hieß es: Nach Beendigung des US-Stahlarbeiterstreiks (Anfang Januar 1960) geht es wieder aufwärts. Dann tippten die Experten auf eine Wahl-Hausse (Präsidentenwahlen). Aber eine durchgreifende Erholung ist bislang ausgeblieben. Jetzt wartet die Börse auf eine Wirtschaftsbelebung, angefacht durch Maßnahmen des neuen Präsidenten. Es gibt amerikanische Investment-Fonds, die begonnen haben, den Anteil ihrer Aktien auf Kosten der festverzinslichen Papiere zu vergrößern, um an den erhofften Kurssteigerungen mit möglichst viel Kapital beteiligt zu sein.