Von Hans Gresmann

Brüssel, im Dezember

Dem modernen Bürogebäude gegenüber liegt einer jener großzügigen Parks, die Belgiens Hauptstadt schmücken. Am Gitter drängen sich auf winzigem Raum ein paar Dutzend Autos, die ein solches Kunterbunt von Typen aufweisen, daß ihre einzige Gemeinsamkeit besonders ins Auge sticht: Es ist, neben dem Nummernschild, ein kleines blaues Quadrat mit den drei Buchstaben EUR sowie sechs weiße Sternchen.

Die Wagen, die hier parken, sind aus den Fabriktoren so ziemlich aller europäischen Autofabriken gerollt: viele Franzosen und Deutsche, ein paar Italiener und – etwas versteckt – auch ein Engländer und ein Schwede.

Genaugenommen gehörten ja der Engländer und der Schwede nicht auf diesen Parkplatz an der Avenue de la Joyeuse Entrée in Brüssel. Denn mag man auch den Straßennamen als ein freundliches Omen nehmen – „zum fröhlichen Anfang“ oder „zum fröhlichen Eintritt“ –, bislang steht der Anfang schließlich unter dem Sechserstern, und an einen Eintritt jener anderen, die sich dem Siebenergestirn verschworen haben, mögen zur Stunde selbst die nicht so recht glauben, die darauf hoffen.

Wendet der Besucher den Blick von dieser Park-Idylle motorisierter europäischer Einträchtigkeit, durchschreitet er das Portal des Gebäudes, in dem Klein-Europas höchste Behörde emsig am Koordinationswerke ist, dann trifft er auf einen verbindlichkorrekten Pförtner, der es – als einer der wenigen Einheimischen in diesem Haus – vorzieht, auf französisch Auskunft zu geben, wiewohl er des Radebrechens auch in den anderen EWG-Sprachen mächtig ist.

Es müßte schon ein großer Zufall sein, wäre dieser nette Pförtner eben jener, der vor knapp drei Jahren sozusagen die Dynastie der Europa-Pförtner begründete. Das war im Frühjahr 1958, als, ausgestattet mit einem Auftrag, vielen Plänen sowie einer Sekretärin, Professor Hallstein in Brüssel eintraf. Er hatte den Posten eines Staatssekretärs im Bonner Außenministerium, der ihm viel Ruhm und einigen Ärger gebracht hatte, verlassen, um einen neuen Posten zu übernehmen, der ihm einigen Ruhm und viel Ärger bringen mußte: den des Präsidenten der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Weil nun damals eine Behörde gegründet wurde, brauchte man auch sogleich einen Pförtner. Heute hat er 80 Kollegen.