Die Verpflichtung, einmal im Jahr den „Weihnachtsmann zu spielen“ und einem verdienten Autor zu einer Riesenauflage zu verhelfen, hat der Académie Goncourt, die Frankreichs begehrteste literarische Auszeichnung, den Prix Goncourt‚ vergibt, in diesem Jahr nicht nur mehr Mühe und Arbeit als üblich gemacht; diesmal hatte man obendrein Pech: als endlich ein geeigneter Autor gefunden war, stellte sich heraus, daß es mit der „Eignung“ dann doch einige Haken hat.

Kaum hatte man den Preisträger benannt, den 1915 in Rumänien geborenen Vintila Horia, Autor des Romans „Dieu est né en exil“ (einer fiktiven Autobiographie des verbannten Ovid), da meldete sich die kommunistische Zeitung L’Humanité zu Wort und wartete mit einer Anzahl allerdings hochpeinlicher Dokumente aus Horns Vergangenheit auf, die selbst auf dem rechten Flügel der französischen Presse ihre Wirkung nicht verfehlten.

Da hat er zwischen 1937 und 1941 zum Beispiel geschrieben: „Der gegenwärtige Führer Deutschlands zwingt niemanden, seine revolutionären Ideen anzunehmen, er will nur an Stelle der alten Unordnung, die er mit allen denkenden Menschen Europas zusammen bekämpft, eine neue Ordnung stiften. Darum ist Adolf Hitler und nicht Napoleon Bonaparte der erste Politiker der Neuzeit, der den Titel eines Großen Europäers verdient...“

Jugendsünden, meinte Horia zu diesen und ähnlichen faschistischen und antisemitischen Auslassungen, „selbst die Heiligen der Kirche haben in ihrer Jugend Fehler begangen“ – und im übrigen sei das so lange her, daß er nicht mehr genau wisse, ob er das wirklich geschrieben habe. Jedenfalls hätten ihn die Nazis wegen seiner nazifeindlichen Einstellung schließlich ins KZ gesteckt; als Intellektueller der Rechten habe er immer nur gegen den Kommunismus gestritten und sei darum auch 1946 in absentia von einem rumänischen Gerichtshof zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden.

Die rumänische Botschaft in Paris formulierte seinen Lebenslauf freilich ein wenig anders: „Vintila Horia (eigentlich Vintila Castagioglu) trat 1934 in die faschistische Jugendorganisation ein, tat sich als einer der giftigsten Journalisten der Zeit hervor und wurde darum 1946 verurteilt...“

Da war er jedoch längst über alle Berge, in Südamerika, das schon manchem, den der Zeitgeist schmählich im Stich gelassen hatte, eine rettende Küste war.

Während in der französischen Presse eifrig diskutiert wurde, ob Horia tatsächlich der rumänischen „Eisernen Garde“ angehört habe und ob der Jury seine Vergangenheit bekannt gewesen sei, half sich die Goncourt-Akademie, die weder einen Irrtum eingestehen noch einen alten Nazi feiern wollte, mit wahrhaft salomonischem Geist aus der Bredouille: Horia sollte seinen Preis haben, aber zum Essen kommen sollte er nicht. Die Goncourt-Preisträger erhalten ihre Auszeichnung nämlich während eines Festessens.