Von Josef Müller-Marein

Im Pariser Journal officiel heißt es soeben amtlich, daß die Vollmachten des Ministerpräsidenten, soweit sie Algerien betreffen, von "dem Staatsminister für die algerischen Angelegenheiten wahrgenommen werden". Mit anderen Worten: Louis Joxe untersteht nicht mehr Debré, sondern fortan dem Staatspräsidenten direkt. Nichts vermag die Rolle des neuen Algerien-Ministers besser hervorzuheben als dieses Dekret.

Der überaus mutige Mann, von dessen diplomatischer Tüchtigkeit die Freunde de Gaulles sich Wunderdinge erhoffen, hat sein Amt inzwischen mit heimlichem Seufzer, aber ohne große Worte übernommen. Immerhin war seine erste Äußerung eine – Warnung an de Gaulle. Der General wird am 9. Dezember seine angekündigte Algerien-Reise antreten, will in fünf Tagen neun Städte und Truppenlager besuchen, gedenkt, das ganze Land zu überqueren – von Orleansville über Bone bis Biskra, wobei er die Hauptstadt Algier absichtlich links liegen läßt. Er wird auf Podien treten – weithin sichtbar –, wird Hände schütteln – leicht erreichbar – und wird zornig werden, sobald er bemerkt, daß sich seine Leibwächter dicht um ihn drängen.

Joxe kennt de Gaulles hochmütig-fromme Ansicht, daß Gott ihn schütze, kennt seine couragierte Unbekümmertheit gegenüber allem, was seine Person betrifft. Wovor er de Gaulle diesmal warnt, das sind Pistolenkugeln und Dolche. Aber eben dies scheint die einzige Warnung zu sein, die de Gaulle selbst von seinem getreuen Joxe nicht anzunehmen gedenkt.

Der Staatspräsident schätzt keinen seiner Mitarbeiter so hoch wie Joxe und bürdet keinem solche vertrackten Sorgen auf wie ihm. Zwar spricht er ebenso ungern wie der deutsche Bundeskanzler über Nachfolgerschaft, aber dies Bekenntnis hat sich immerhin, seinen Lippen entrungen: "Ich sehe niemanden, der würdig wäre – außer Joxe."

Dabei haben die beiden Männer nur dies gemeinsam, daß sie aus Lehrerkreisen stammen. (Wie denn die französische Politik durch die Lehrer überhaupt sehr beeinflußt ist, deren Neigung stets groß war, Politiker zu werden oder dies ihre Söhne werden zu lassen. De Gaulle, der Dunkle, fühlte sich noch stets durch die trockene, präzise, blanke Formulierungskunst angezogen, die Joxe zu eigen ist; er, der Romantiker, vertraut seinem Widerpart, dem Realisten; er, der seine Reden – und seien sie noch so kurz – tagelang sorgsam vorbereitet, liebt die Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart, die Joxe, als er Botschafter in Moskau war, dazu befähigte, dem Herrn aller Reußen laut zu sagen: "Exzellenz, Sie haben vorzüglich über Frankreich gesprochen; bloß – alle ihre Angaben waren falsch!" Ein Wort, das Chruschtschow zum allgemeinen Erstaunen sogar akzeptierte. Im übrigen erzählten Diplomaten, daß Joxe sich den Jux machte, Chruschtschow auf seinem ureigenen Felde entgegenzutreten, nämlich auf dem Acker der Sprichwörter: Pflügte Chruschtschow ein russisches aus, so Joxe ein französisches.

Joxe ist 59 Jahre alt. Als er in Bourg-la-Reine aufwuchs, war dieser südliche Pariser Vorort von der Stadt noch durch Kornfelder getrennt, auf denen heute riesige Arbeitersiedlungen stehen. Nicht allzu weit liegt das Quartier Latin, das Universitätsviertel, wo er, ein "Wasser-Trinker", mehr Anteil an den Vorlesungen der Sorbonne als an dem internationalen studentischen Treiben nahm. Er studierte die alten Sprachen und Geschichte, legte (1925) das Examen für das höhere Lehramt ab. Schon hatte sich ihm eine Universitätslaufbahn eröffnet, die glänzend zu werden versprach – da wechselte er zur Diplomatie hinüber. Erster Posten: Attaché in Berlin. Danach Vertreter in vielen Völkerbund-Delegationen. Das Resultat solcher gleichsam anonymen Tätigkeit war, daß Joxe der erste Typ jener tüchtigen "Techniker der Diplomatie" wurde, die heute im Elysée, dem Amtssitz de Gaulles, eine so große Bedeutung haben, weil der General nun einmal die "Techniker der Politik" höher schätzt als die Politiker.