Einundzwanzig Tage lang haben in Moskau die Führer von 81 kommunistischen Parteien hinter den hermetisch verschlossenen Kremltüren getagt. Am Dienstag nun wurde endlich das Ergebnis des Roten Konzils veröffentlicht – eine wortreiche Deklaration, die in wesentlichen Punkten den Standpunkt Chruschtschows gegenüber den abweichenden chinesischen Ansichten stützt. Die Thesen von der Vermeidbarkeit des Krieges und der kommunistischen Machtergreifung ohne Bürgerkrieg sind darin ausdrücklich bekräftigt worden.

Es sieht also ganz so aus, als hätten die Sowjets ihren radikaleren Pekinger Stiefzwilling zunächst aus dem ideologischen Felde geschlagen. Wie weit sich die Chinesen wirklich unterworfen haben, kann allerdings erst eine genaue Analyse des Moskauer Dokuments ergeben – und die Zukunft. In der Vergangenheit ist es ja öfters vorgekommen, daß ein Widerruf in Peking ganz anders gemeint war, als er an der Moskwa verstanden wurde.

Eines läßt sich indessen schon nach der ersten Lektüre der Moskauer Deklaration sagen: Die Koexistenz, die Chruschtschow der Welt zu verpassen trachtet, wird weiterhin sehr frostig sein. Sie wird als „eine Form des Klassenkampfes zwischen Sozialismus und Kapitalismus“ begriffen, die „günstige Möglichkeiten für die Entwicklung des Klassenkampfes in den kapitalistischen Ländern und für die Entwicklung nationaler Befreiungsbewegungen in kolonialen und abhängigen Ländern“ biete. Ausdrücklich wird betont, daß Koexistenz „nicht Aussöhnung zwischen der sozialistischen und der bürgerlichen Ideologie“ bedeutet.

So gesehen, heißt Koexistenz freilich nichts anderes als Kalter Krieg. Th. S.