Von Egon E. Merten

Hie Stromlinie – hie Trapezlinie: Neue und verschiedenartige Karosserieformen, jedoch keine wesentlichen technischen Neuheiten, das sind die hervorstechenden Kennzeichen des Automarktes 1961. Der Besuch der diesjährigen Automobilausstellungen in Paris, London und Turin hat unseren Mitarbeiter zu der Überzeugung gebracht, daß ein neuer Autostil „im Kommen“ ist – wenn davon auch erst einige Ansätze sichtbar geworden sind.

Frankreich ist in der beneidenswerten Lage, daß seine Personenwagenproduktion auf nur vier mächtigen, sehr gut fundamentierten Pfeilern ruht: Renault, Citroën (mit Panhard), SIMCA und Peugeot. Unter diesen hatte Peugeot mit dem Typ 404 schon vor Monaten den einzigen französischen Neuling vorgestellt. Als erster Wagen Frankreichs verkörperte er die „Turiner Trapezform“, vielleicht sogar als letzter. Denn am viertletzten Tag vor Schluß des Pariser Salons, noch gerade früh genug, um die Debatte über die künftige Karosserieform neu zu beleben, kam die einzige Neuheit der Ausstellung: der Taunus 17 M. Damit stand genau das Gegenteil der von Pininfarina kreierten eckiges Form auf der Drehscheibe. Und obgleich dieser „deutschamerikanische Compact Car“ um 8 cm länger ist als sein Vorgänger (bei gleicher Breite von 1,67 m), wirkt er kürzer, kleiner und graziler.

Der neue Taunus17 M ist eine Kampfansage an den Turiner Stil, der ja seinen sichtbarsten Ausdruck nicht nur im Peugeot 404, Fiat 1800/2100 und fast allen Marken der British Motor Corporation (BMC) gefunden hat, sondern auch die neuen Karosserien des Mercedes 220, Opel „Kapitän“ und „Rekord“, Borgward „Arabella, Standard „Herald“, die englischen Fort-und Vauxhall-Modelle u. a. beeinflußte. Er findet nur einen Gegenspieler: den nun bereits fünf Jahre alten 1,9 Liter Citroën. Dieser Wagen hat bei seinem aufsehenerregenden Erscheinen 1955 auf dem Pariser Automobilsalon eine modische Entwicklung übersprungen; denn es wird sich gar bald erweisen, daß die Turiner Trapezform eine Modekrankheit gewesen ist.

Eine andere Modetorheit, die der „Panoramascheibe“, liegt endgültig im Sterben. Das bewiesen nicht nur die neuen, erstmals auf dem Pariser Salon gezeigten Modelle aus den USA (von wo die mit manchen Nachteilen behaftete Frontscheibe zu uns kam), sondern auch die Neuheiten in London und vor allem in Turin. Die Windschutzscheibe reicht nicht mehr um die Ecken herum. Endlich treten keine Verzerrungen durch Scheibenrundungen mehr auf, die Sicht wird nicht mehr durch Regen, Schnee und Eis an diesen vom Scheibenwischer nicht erreichten Flächen behindert. Der verglaste Teil des Personenwagens, vor allem der Front- und Heckpartie, reicht nun – besonders bei den neuen USA-Modellen – nicht nur bis zur Oberkante der meist sehr flachen Dächer, sondern sogar in diese hinein. Es wird wohl nicht lange dauern, bis sich der nächste europäische Neuling als „mobiles Glashaus“ präsentiert.

Auch die Briten haben zur Motor Show keine von Grund auf neuen Personenwagen präsentiert. Selbst das von Rootes als neu vorgestellte Spitzenerzeugnis, der 3 Liter Humber „Super Snipe“, hatte – neben kleinen Verbesserungen und Änderungen, wie sie von alle Werken zu einer Ausstellung angepriesen werden – praktisch nur einen neuen Bug mit Doppelscheinwerfern bekommen. Die BMC-Gruppe rundete ihr Programm mit Kombiwagen im Pininfarina-Stil ab.

Verbesserungen der Motorleistung gab es bei Standard (Typ „Vanguard“ mit Sechszylindermotor) und Rootes (jetzt 1,6-Liter-Motor im „Sunbeam Alpine“). Für den europäischen und amerikanischen Geschmack hat man nun genügend Modelle, die den Verkaufsdirektionen (vorerst) im Hinblick auf die Karosserieform keine Sorgen mehr machen. Aber es war doch bezeichnend, daß unter dem Hinweisschild „Taunus“ der neue Typ 17 M fehlte, obgleich er in Paris schon gezeigt worden war. Sollte die „neue amerikanische Linie“ für Ford Dagenham zu früh publik gemacht worden sein?