Die drei Kategorien, die Rudolf Walter Leonhardt für die mögliche Form der Besprechung von Gegenwartsliteratur aufstellt, können vermutlich erweitert werden, und ich glaube, es ist ziemlich gleich, welcher dieser Formen sich ein Kritiker bedient, es kommt nur darauf an, was er zu sagen hat und wie er es sagt. Ob er nun „farbig persönlich“ oder „nüchtern sachlich“ schreibt – er muß schreiben können, und womöglich nicht schlechter als die, über die er schreibt.

Was soll ich von einem Theaterkritiker halten, der mich in schlechtem Deutsch verreißt (ganz gleich, ob er recht hat oder nicht). Ich kann von ihm keine Lehre annehmen, ich kann nur bedauern, daß er keinen anderen Beruf ergriffen hat. Er muß sein Metier verstehen, und er muß vom Metier dessen, den er beurteilen will, eine souveräne, umfassende Vorstellung haben. Er muß etwas besitzen, was man heut ungern erwähnt und was keineswegs selbstverständlich ist: Bildung. Bildung (die nicht mit Erfahrung gleichzusetzen ist, ein achtzehnjähriger Anfänger kann durchaus gebildeten Wesens sein, ein uralter Vielschreiber durchaus ungebildet) – Bildung ist die Fähigkeit, einen Gegenstand aus universalem Aspekt zu betrachten. Sie ist ebensosehr Voraussetzung für die Gültigkeit eines Urteils, wie Talent für seinen Ausdruck und Charakter für seine Unbestechlichkeit. Sie wird den Kritiker vor der Anwendung der Modeklischees ebenso bewahren wie vorm Anlegen der konventionellen Maßstäbe.

Es kommt ja nicht darauf an, daß er „recht hat“ – wie oft haben große, bedeutende Kritiker unrecht gehabt! Es kommt darauf an, daß er – aus Leidenschaft (mehr als Liebe!) zur Literatur, zur Kunst, zum Theater, zum besprochenen Gegenstand höchste, auch neue, eigene, meinetwegen unerreichbare Maßstäbe aufstellt, um die er selbst kämpft und deren Sinn und Wert er beweisen kann. Dann kann er „Speere werfen und die Götter ehren“, und zwar in jeder stilistischen Kategorie.

Nehmen Sie Alfred Kerr, der wohl ein Musterbeispiel ist für das „farbig-persönliche“ Schreiben. In seinem Alter waren die Nachteile überwiegend, sowohl was Beweihräucherung des ihm sympathischen als Verunglimpfung des Autors anlangt, den er nicht mochte (Brecht!). Aber im ersten Band seiner „Welt im Drama“ hat er, unter Anwendung der gleichen Stilmittel, eine Dramaturgie des (sogenannten) naturalistischen Theaters aufgestellt, die einen Markstein der Literaturgeschichte bedeutet.

Um gleich das Gegenbeispiel zu nennen: Die gesammelten Kritiken seines Antipoden Herbert Jhering, die (unter dem Titel „Von Reinhardt bis Brecht“, zwei Bände, der dritte in Vorbereitung) bisher leider nur im Ostberliner Aufbau-Verlag erschienen sind. Hier ist gewiß die „nüchtern-sachliche“ Methode erstrebt und manchmal überzogen (ich glaube, es war Karl Kraus, der das Bonmot prägte: „Er sprüht Leder“) – aber von einer ebenso persönlich-engagierten wie erzieherischen Leidenschaft befeuert, daß das Gesamtwerk (ganz gleich, wo er „recht“, wo er „unrecht“ hat) zur geistesgeschichtlichen Dokumentierung einer ganzen Epoche, des Theaters, des Films, der Literatur, aufgewachsen ist. Hier wird, auf elastische Art, in fortgesetztem aktiven Kontakt mit der Produktion seiner Zeit, der Versuch gemacht, an ihrer Entwicklung (durch das Aufstellen kritischer Maßstäbe) mitzubilden, ein Versuch, an dem sich noch heutige Beurteiler orientieren können.

Ich glaube, ein Grundübel für die Kritik ist das Fehlen einer Kritik der Kritik. Ich fragte kürzlich in Berlin einen der bekanntesten und einflußreichsten Kritiker der jüngeren (oder mittleren) Generation, ob er sich nicht manchmal wünsche, seine eigene Arbeit kritisiert, unter die Lupe genommen, auf ihre Qualität und ihre Haltbarkeit untersucht zu sehen. Die Antwort war: Nichts fehle ihm so sehr wie gerade das! Es verschaffe ihm manchmal das Gefühl von Sterilität, von Verinselung, ja von Erschöpfung, daß es für einen Kritiker eigentlich nur Opfer, aber keine Schlächter, nicht einmal einen Sparring-Partner gebe. Aber wer will ihn schlachten? Wer will ihm an die ungedeckte Stelle haun?

Ein Autor wird den Teufel tun, sich mit Kritikern anzulegen, denn sie behalten ja doch das letzte Wort! Es dürfte sich auch keinesfalls um Polemik von Seiten eines „Angegriffenen“ gegen den „Angreifer“ handeln. Aber der Kritiker sollte gegen unsereinen, der angegriffen und – wie Kerr sagte – „beklopft“ werden kann, nicht benachteiligt sein, indem er sich gegen nichts mehr zur Wehr zu setzen hat. Die Konkurrenz der anderen Kritiker, selbst wenn es zu Schlachten kommt wie weiland zwischen Kerr und Jhering, ist kein Ersatz. Vielleicht sollte dafür eine neue Form des platonischen Dialogs geschaffen werden? Cum ira et studio. Ich gebe es zu bedenken.

(Wird fortgesetzt)