Liebeswerben um Ghanas Gunst

Von Joachim Joesten

In dem kleinen, aber weltpolitisch nicht unbedeutenden Staat Ghana an der Westküste Afrikas bahnt sich eine Entwicklung an, die das internationale Ringen um den Assuan-Damm lebhaft in Erinnerung ruft. Teils Liebeswerben, teils Tauziehen, teils Ränkespiel, stellt es in ähnlicher Weise einen fast grotesk anmutenden Wettlauf der Mächte dar, um jeden Preis als erster mit den größten Gaben zur Stelle zu sein.

Es handelt sich dabei um das hydroelektrische Industrialisierungsprojekt am Volta-Fluß, das drittgrößte in Afrika nach dem kürzlich vollendeten Kariba-Damm in der Zentralafrikanischen Föderation Rhodesien und Njassaland und dem z. T. im Bau befindlichen Assuan-Damm von Ägypten (dagegen ist das noch anspruchsvollere Inga-Projekt im Kongo wegen der politischen Wirren der letzten Monate praktisch in der Versenkung verschwunden).

Bei dem Volta-Projekt geht es nicht um ein zusammenhängendes, sondern um zwei geographisch weit auseinanderliegende Bauvorhaben, die nur lose miteinander in Verbindung stehen. Einerseits soll bei Akosombo am Unterlauf des eigentlichen Voltaflusses (ungefähr 100 km nordöstlich der Hauptstadt Akkra) ein gewaltiger Staudamm aus Erde oder Beton entstehen, dessen Kosten, einschließlich des dazugehörenden Großkraftwerkes, auf rund 170 Millionen Dollar veranschlagt worden sind.

Der dort gewonnene Kraftstrom soll in erster Linie dazu dienen, eine Aluminiumschmelzanlage zu betreiben, die in der Hafenstadt Tema, 20 km östlich von Akkra, errichtet werden wird. Der für die Erzeugung von Aluminium erforderliche Rohstoff Bauxit wird an Ort und Stelle gewonnen.

Das Akosombo-Projekt ist schon ziemlich alt: es wurde zum ersten Male um 1924 zur Debatte gestellt. Die Engländer, die an der Goldküste, wie Ghana damals hieß, allein zu bestimmen hatten, traten an seine Verwirklichung nur zögernd heran. (Angeblich wegen der zu hohen Baukosten, in Wirklichkeit aber wohl, weil ihnen zu jener Zeit nicht daran gelegen war, sich durch großzügige Industrialisierung ihrer Kolonien unerwünschte Konkurrenz auf den Hals zu laden.)

Jedenfalls schlummerte das Projekt in den Aktenschränken der Behörden, bis Ghana vor drei Jahren selbständig wurde. Daraufhin machte sich der erste Ministerpräsident (jetzt Staatsoberhaupt) des neuen Staates, Dr. Kwame Nkrumah sofort auf den Weg nach Amerika, um dort technische und finanzielle Hilfe für sein Lieblingsprojekt zu gewinnen, ähnlich wie es kurz vorher der ägyptische Staatschef Nasser getan hatte.

Liebeswerben um Ghanas Gunst

Es gelang Nkrumah auch, einen der bedeutendsten und unternehmungslustigsten Industriellen der USA, Henry Kaiser, für seinen Plan zu gewinnen. Nach eingehenden Studien, die durch die Tochtergesellschaft des Kaiser-Konzerns, die „Kaiser Aluminum and Chemical Corporation“, vorgenommen wurden, kamen Nkrumah und Kaiser im Frühherbst 1959 ins Geschäft. Mit Unterstützung britischer und kanadischer Aluminiumgesellschaften brachte Kaiser ein internationales Konsortium („Volta Aluminium Company Ltd.“) zusammen, das den Bau des Schmelzwerkes von Tema übernehmen und finanzieren soll. Da in dem bisher unbedeutenden Städtchen an der Küstensavanne östlich von Akkra nicht nur die eigentlichen Fabrikanlagen, sondern auch Straßen, Bahngeleise, Arbeiter- und Angestelltenwohnungen sowie zahlreiche Nebenbetriebe aus dem Boden gestampft werden müssen, und außerdem die Anlage eines künstlichen Tiefseehafens geplant ist, rechnet man damit, daß der Baukomplex von Tema noch erheblich mehr kosten wird als die Erstellung des Akosombo-Dammes mit zugehörigem Kraftwerk, das ein Kapazität von 768 000 Kilowatt bekommen soll.

Zur Mithilfe bei der Finanzierung des Damm- und Kraftwerkprojektes erklärte sich die Weltbank im Verein mit Finanzinstituten, die den amerikanischen und britischen Regierungen nahestehen, bereit. Von den erforderlichen 170 Millionen Dollar soll Ghana etwa die Hälfte aus eigenen Mitteln aufbringen; die andere Hälfte wollen die genannten Interessenten übernehmen, und zwar 40 Millionen die Weltbank, 30 Millionen die USA und 14 Millionen Großbritannien. Es handelt sich dabei also um ein Arrangement, das mit dem kurz vorher gescheiterten Assuan-Finanzierungsplan eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit (wenn auch in recht verschiedener Größenordnung) aufweist.

Damit allein sollte es aber nicht sein Bewenden haben, sondern die Analogie ging noch weiter. Kaum hatte die ghanesische Regierung ihre westlichen Beteiligungen unter Dach und Fach gebracht, so schickte sie im Mai d. J. eine parlamentarische Delegation nach Moskau. Nach längeren Verhandlungen kam Ende August 1960 ein Handelsvertrag und Abkommen über technische Hilfe zustande, das einen gegenseitigen Austausch von Waren und Dienstleistungen im Werte von 160 Millionen Rubel vorsieht. Anfänglich war von einer Beteiligung der Sowjetunion an dem Volta-Projekt noch nicht die Rede. Es hieß nur, daß die Russen an Ghana Maschinen und industrielle Ausrüstungen, Stahl und Erdölprodukte liefern und von dort Kakao, Kaffee, Kopra, Gummi und Obst beziehen würden.

Nun hat sich aber Moskau zu guter Letzt doch in das Volta-Projekt eingeschaltet, wie aus einer Mitte November von der Nachrichtenagentur Reuters verbreiteten Meldung hervorgeht. Danach hat eine z. Z. in Ghana befindliche technische Delegation der Sowjets unter Führung von Georg Schewiakoff der ghanesischen Regierung das Angebot gemacht, am Schwarzen Volta, dem wichtigsten Nebenfluß des Volta-Stromes, einen weiteren Damm nebst Kraftwerk zu bauen. Die Anlage soll an einer ungefähr 640 km flußaufwärts von Akosombo gelegenen Stelle errichtet werden; der Kostenvoranschlag beläuft sich auf rund 50 Millionen Dollar.

Noch ist nicht abzusehen, ob und inwieweit das sowjetische Bauvorhaben eine Konkurrenz für das westliche Projekt darstellen wird. Aber es dürfte kein Zweifel daran bestehen, daß es politische Folgen haben wird. Ähnlich wie Nasser hat auch Nkrumah es schon bisher meisterhaft verstanden, auf dem Klavier der Weltpolitik mit beiden Händen und in allen Tonarten zu spielen. Wenn der Westen geglaubt hat, Ghana durch großzügige Hilfe bei seinem Hauptprojekt am Volta auf seine Seite ziehen zu können, so wird er jetzt wohl, ähnlich wie seinerzeit bei Assuan, eine Enttäuschung erleben. In unserem Zeitalter ist die Entwicklungshilfe als Mittel der Politik nur noch sehr beschränkt wirksam. Meist führt sie dazu, daß auch die andere Seite zum Zuge kommt.

Bei dem Akosombo-Projekt steht übrigens auch eine deutsche Beteiligung in Aussicht. Unter insgesamt 52 Angeboten von 20 Firmen aus acht Ländern für den Bau des Staudammes stammen etliche von drei deutschen Bewerbern (Hochtief AG, Strabag Bau AG, Grün und Bilfinger AG). Man darf gespannt sein, wie das neue Rennen ausgeht.