London, im Dezember

Ein rosiges Jungengesicht mit dem langen englischen Kinn. Erziehung in der exklusiven Londoner Westminster School und in Oxford, ungestümes Temperament. Ein glänzender Diskussionsredner. Das ist der sozialistische Abgeordnete von Südost-Bristol. Genauer gesagt: Das war er. Und das möchte der 35jährige Anthony Wedgwood Benn wieder sein. Er will nicht ins Oberhaus übersiedeln, in das ihn der Tod seines Vaters, des ersten Lord Stansgate, nach Brauch und Herkommen verdammt.

„Ich bin eine der tausend Blumen, die bitten, blühen zu dürfen“, hat er einmal in Abwandlung eines Wortes von Mao Tse-tung gesagt, als man ihn nicht zu Wort kommen lassen wollte. Er aber möchte im Unterhaus blühen, in der Volksvertretung mit ihren stürmischen Debatten, nicht in dem gemächlichen, wenig einflußreichen Oberhaus, dessen Mitgliedern obendrein die höchsten Staatsämter verschlossen sind, nach denen der junge Benn strebt.

Nicht von Geburt an war Benn für das Oberhaus bestimmt gewesen, denn sein Vater war dort erst 1941 eingezogen. Bis dahin hatte der alte Benn als gutbürgerlicher Mister seinen Weg durch die Politik gemacht, bei den Liberalen zuerst – er begann 1910 als Privatsekretär des Marineministers MacKenna, in einer Regierung, der Churchill als Innenminister angehörte –, dann seit den Zwanzigerjahren bei den Sozialisten, die ihn 1941 zum Indienminister ernannten. Selbst als er die sechzehnzackige Krone eines Viscount annahm, schien es ausgemacht zu sein, daß sie der Zweitgeborene Anthony niemals tragen würde. Da aber Michael, der ältere Sohn, der sie hätte erben sollen, im Kriege fiel, wurde er urplötzlich Anwärter auf einen Oberhaussitz.

Es paßte ihm keineswegs. Schon als Fünfzehnjähriger hatte er sich gelobt, spätestens im 31. Lebensjahr Abgeordneter zu werden. Er schaffte es fünf Jahre früher. Davor lag bereits eine brillante Laufbahn als Vorsitzender der Oxford Union, des Debattierklubs der Studenten, als Journalist, Funkberichter und Fernseh-Produzent.

Im Unterhaus erwies er sich als passionierter Sozialist, vor allem auf dem Gebiet der Außen- und Kolonialpolitik. Er focht gegen das Suez-Abenteuer und den Feldzug in Oman. Er verlangte den Abzug britischer Truppen aus Malaya. Er empörte sich, als seine eigene Partei den Negerhäuptling Seretse Khama deportieren ließ, um den Südafrikanern einen Gefallen zu tun. Er wetterte auch gegen die Ausrüstung der Bundesrepublik mit Kernwaffen.

Benn tat seinen Sozialismus gleichfalls in seiner Kritik an den veralteten Einrichtungen seines Heimatlandes dar. Er rannte Sturm gegen die Todesstrafe. Er forderte die Abschaffung der Gesetze, die dem Innenminister geradezu despotische Rechte hinsichtlich des Aufenthalts von Ausländern auf der Insel einräumten. Er scheute sich auch nicht, im Namen des Fortschritts Fernseh-Übertragungen von Parlamentssitzungen zu fordern.