„Lessing stellt Mayer zwischen Diderot und Herder.“ (Karl Korn in der FAZ vom 19.11. 60)

So viel Interesse R. W. Leonhardts Fragen auch hervorrufen – so platonisch sind sie, wenn man sie nur für sich betrachtet. Ehe nämlich ein Rezensent sich für eine Methode, einen kritischen Stil entscheidet, sind ja die eigentlichen, weniger platonischen Vorentscheidungen längst gefallen. Die Lose sind gezogen in der großen Literaturlotterie, deren Nummern selbst der Verantwortlichste nicht zu überblicken vermag.

Viel zu groß ist die Zahl der Bücher, zu gering die Ausbildung der kritischen Organe bei uns zu Lande, zu verlockend die Möglichkeit, sich auf dem unübersehbaren Markt mit Hilfe von Abneigungen und Zuneigungen zu orientieren. Die Frage nach dem kritischen Stil ( nüchtern sachlich? farbig persönliche) führt sogleich in weitere, ebenso vernachlässigte wie dringende Fragestellungen. Nüchtern sachlich oder farbig persönlich – wieviel hängt da ab vom ganz unerforschten „wer rezensiert wen, wo und wieso“?!

Schon im Redaktionszimmer werden die Weichen gestellt, und es würde sich lohnen, einen Plan des überraschenden Schienennetzes aufzunehmen. Man würde, so vermute ich, ein ganzes Bündel von Argumenten finden für E. R. Curtius’ bittere Behauptung: „Jede Literaturpolitik höherer Art hat mit Polemik gegen die Literaturjournale begonnen und hat auch heute noch damit zu beginnen.“

Der Satz ist nicht neu; nur wurde er in den großen Zeiten der deutschen Literatur weniger von Gelehrten als von Schriftstellern verfochten. Vom 18. Jahrhundert bis zu Wilhelm Busch kannten sie keinen böseren Feind als den Rezensenten. Das hat sich geändert, mag es noch so viele Beispiele fürs Gegenteil geben. Heute rezensieren weitgehend die „Produktiven“, und Interessenkollisionen sind unvermeidlich. Auch die professionelle Kritik steht häufig unter Voraussetzungen, welche das Genre der Besprechung schon entschieden haben, ehe sie beginnt. Da sind die Belastungen durch die Vergangenheit und die Einschränkungen, welche durch soziologische Kondition (Traditionsverhältnis, Ressentiments) oder Ideologien (und sei es nur die der eigenen, modernen Unabhängigkeit) verursacht werden. Man schlage die Blätter irgendwo auf, etwa eine neuere Nummer der FAZ, wo der Rezensent, der einst seine Jud-Süß-Kritik für möglich hielt, aus dem Buch von Hans Mayer, dem in Leipzig Germanistik zu lehren möglich ist, kritische Erkenntnisse über Heine schöpft, Heine war, so hört man, der Prototyp „einer gewissen deutschen Intellektualität“ ...

Denkt man über die subtilen Beweggründe, die vielleicht sogar unbewußten, solchen farbig sachlichen Urteils nach, so eröffnen sich staunenswerte Perspektiven, sogar in bezug auf den Seitenhieb gegen die (westdeutsche) Germanistik, welche auch diesen Artikel einleitet. Der heutige „Feind“ des Kritikers ist der Akademiker; und wenn es auch sehr viele Gründe gibt, der sich selbst nicht hinlänglich problematischen Literaturwissenschaft gram zu sein, so bleibt die Feindschaft gegen die Wissenschaft doch bemerkenswert. Dabei sollte diese, theoretisch, in einem klaren Verhältnis zur Tageskritik stehen. Insofern sie geschichtliche Wissenschaft ist, obliegt ihr nicht die Betrachtung des Ephemeren, vielmehr stellt sie das Rüstzeug bereit, das solcher höchst notwendigen Tätigkeit dient, Methoden, Kenntnisse und Tradition, ohne die gar keine Kritik bestehen kann.

Sie soll lesen, wissen, urteilen lehren, was alles ohne Maßstäbe unmöglich ist. Und diese sind nirgend anders als im strengen Umgange mit erprobter Literatur zu gewinnen. Indem ich’s schreibe, sehe ich schon die Modernisten mit Fingern auf den moralisierenden Professor weisen. Sie ihnen nicht, wie viele Fehlurteile ihnen erspart Hieben, wenn sie angesichts Goethes und des großen englischen Romans sich stets aufs neue fragen würden, was ein Roman sei. Musil und Broch taten das, denn die Literatur beginnt nicht erst bei den Expressionisten, und die Einübung des Blicks auf die Vergangenheit würde manche schon morgen überholte Behauptung dämpfen, die etwa (hier ziele ich gegen die ZEIT) mit rührend bürgerlichem Vorurteil Raabes „Hungerpastor“ für des Autors wichtigstes Werk, das Nibelungenlied sehr folgerichtig für keines und die „Blechtrommel“ für bedeutend halten.