Von Wolfgang Ebert

Wer sich heute an die zwanziger Jahre erinnert – manche betreiben diese Tätigkeit bereits hauptberuflich –, der hat sie damals als Erwachsener in vollen Zügen genossen und bekommt jetzt noch ein leichtes Charleston-Zucken, wenn er davon erzählt. Und zugegebenermaßen hat so ein Mensch allerhand zu sehen bekommen. Jeder, der damals erwachsen war, hat – auch wenn er eigentlich in Uerdingen oder in Donauwörth zu Hause war – offenbar an jeder Reinhardt-Premiere teilgenommen; war bei den Nelson-Revuen und im Romanischen Café Stammgast und fehlte natürlich auch nicht bei der sagenumwobenen Uraufführung der Dreigroschenoper, die anscheinend in einem Stadion stattgefunden haben muß, denn ich kenne allein schon einige hundert Menschen, die sie erlebt haben.

So ein Veteran der zwanziger Jahre war damals selber zwanzig oder dreißig. Was aber haben jene zu diesem unerschöpflichen Thema beizutragen, die damals, sagen wir, zwei oder fünf Jahre alt waren? Diese Generation schweigt sich beharrlich über die zwanziger Jahre aus, fast, als sei es ihr peinlich, sozusagen nur auf einem Kinderbein in dieser glorreichen Epoche gestanden zu haben. Ich will dieses Schweigen nun endlich brechen. Denn auch für mich sind die zwanziger Jahre unvergeßlich geblieben.

Damals, als der dernier cri sozusagen der letzte Schrei war, habe ich meinen ersten Schrei getan. Und wenn man diese Zeit in Amerika die „brüllenden Zwanziger“ nennt, so habe, ich dazu mein Bestes beigetragen. Während meine Erinnerung an die frühen zwanziger Jahre etwas getrübt ist, tritt alles schon viel deutlicher zutage, wenn ich an meine etwas reifere Epoche zwischen drei und sieben – denke. Und da vor allem an die Mädchen jener Zeit. Solche Mädchen wie Gerda etwa gibt es heute nicht mehr. Und auch jene knisternde Erotik nicht, die uns umfing. Die junge Generation, im Zeitalter des „Sex“ aufgewachsen, kann es wohl kaum fassen, was es für uns bedeutete, wenn Gerda (5) am Samstagabend zur gleichen Zeit wie ich (6), aber eine Etage tiefer gebadet wurde und wir uns durch einen Luftschacht über die Waschmaßnahmen unserer Mütter unterhielten. Die blonde, stämmige Gerda... zwei Jahre später sollte sie mich mit einem neunjährigen Metzgersohn betrügen. Wie habe ich damals gelitten – wer leidet denn heute noch an Liebe?

Mich läßt es ziemlich kalt, Wenn mir heute ältere Herren von der Kunst und dem Körper einer Anita Berber vorschwärmen. Anita Berber hätte mir damals nicht viel geben können – wo es doch an unserem Stadttheater eine Jenny Kugen gab, die dort im Kinderballett eine dominierende Rolle spielte. Daß sie mit ihren neun Jahren für mich Siebenjährigen nicht das rechte Verständnis aufbrachte, sei vergeben und vergessen.

Und was tat sich damals überhaupt auf dem Theater! Lassen wir einmal die Bergner und Moissi beiseite – aber wo gibt es heutzutage noch eine Schneewittchen-Darstellerin, die mich in dem Augenblick, wo sie in den vergifteten Apfel beißen will, zu dem gellenden Aufschrei: „Tu’s nicht! Tu’s nicht!“ verleiten könnte?

Um jeder Legendenbildung vorzubeugen: auch jene Zeit hatte ihre Schattenseiten, auch ihr war Brutalität nicht fremd. Ich denke da etwa an den Knaben, der mir einmal beim Spielen mit einem Hammer, den er zum Steineklopfen benutzte, mit voller Wucht auf den Daumen schlug.