Vom New Look in der Kreditpolitik

Wie wirkt sich der kreditpolitische New Look aus, den die Bundesbank kürzlich mit ihrer Diskontsenkung gezeigt hat? – Noch läßt sich nicht viel über die Ergebnisse sagen: Der Sachverhalt ist ja so, daß der Zentralbankrat nach außen hin mit dem (relativ) niedrigen Diskontsatz operiert, während er gleichzeitig nach innen hin an dem Bestreben mitwirkt, Liquidität zu binden. Somit zielen seine qualitativen und seine quantitativen Maßnahmen in konträre Richtungen.

Das hat sich auch – jedenfalls zunächst – durch die Entscheidung des Zentralbankrates vom letzten Donnerstag nicht wesentlich geändert, die eine kleine Korrektur der Restriktionsmaßnahmen vom 2. Juni darstellt. Dahingehend nämlich, daß für den Zuwachs an (Inlands-) Verbindlichkeiten, der gegenüber der „Referenzperiode“ vom März bis Mai dieses Jahres eingetreten ist, künftig nicht mehr die Mindestreserve-Höchstsätze gelten werden. Diese Korrektur wirkt sich zugunsten jener Institute aus, die erst in den letzten Monaten stärker ins Geschäft gekommen sind und ihren Einlagenbestand noch kräftig aufbauen konnten. Das sind, in erster Linie, die Sparkassen. Etwa 300 Mill. DM werden damit aus den Mindestreserven „frei“.

Gewiß kann man sagen: die Tatsache, daß der Zentralbankrat hier eine Erleichterung verfügt hat, ohne an anderer Stelle entsprechend mehr Bankenliquidität zu binden, lasse immerhin die Absicht erkennen, die quantitativen Restriktionen nicht weiter zu verstärken. Das sei, wie von manchen Leuten argumentiert wird, ein Indiz für einen Kurswechsel, der sich allmählich anbahne: der Zentralbankrat habe offenbar erkannt, daß man auf die Dauer nicht mit dem Diskont nach der einen und mit der Mindestreserve-Politik nach der anderen Seite hin marschieren könne, sondern – auf weitere Sicht – doch wieder zu einer Kreditpolitik „aus einem Guß“ zurückfinden müsse.

Die Taktik, die in den letzten Wochen angewandt worden ist, hat ja – wie vorauszusehen – zwangsläufig zu mancherlei Spannungen im monetären Gefüge geführt. Als Folge der Liquiditätsverknappung liegen die Zinssätze auf dem Geldmarkt weit über der offiziellen Bankrate. Binnenwirtschaftlich blieb die Diskontsenkung bisher – wie beabsichtigt – ohne große Wirksamkeit; lediglich die Kredite sind als Folge der Automatik des Sollzinsen – Abkommens billiger geworden. Die Bundesbank erhofft hiervon, daß Import- wie Exportgeschäfte wieder verstärkt über deutsche Banken finanziert werden, daß also die betreffenden Unternehmen weniger Auslandskredite beanspruchen (und damit die Schlagseite der Zahlungsbilanz nicht immer stärker werden lassen). Ob diese Rückkehr zu den heimischen Kreditquellen aber zur Tatsache wird, hängt mehr oder weniger von einer ausreichenden Bankenliquidität ab. Diese aber soll ja gerade nach den Vorstellungen des Zentralbankrates unzureichend bleiben, um die Konjunktur zu dämpfen...

All das ist sehr widerspruchsvoll – was sich auch am Kapitalmarkt auswirkt. Aus konjunkturpolitischen Gründen hat die Bundesbank kein Interesse an einem schnell sinkenden Kapitalzins. Auf der anderen Seite lockt natürlich ein hohes Kapitalzinsniveau das Auslandskapital in unerwünschtem Maße an. Dabei soll die Bundesrepublik Kapital ausführen, und zwar in hohen Milliardenbeträgen!

Es ist wirklich schwer, den Geschäftsbanken, und vielleicht noch schwerer, den Außenstehenden eine solche zwiespältige Kreditpolitik verständlich zu machen. Dennoch erschien sie (wenigstens für eine Weile) notwendig. Man muß in ihr den Versuch erblicken, mit neuartigen Mitteln – die sich von denen einer Devisenzwangswirtschaft nur in der Methode, aber nicht in der Zielsetzung unterscheiden – der Schwierigkeiten Herr zu werden. Das innerdeutsche Zinsniveau soll auf das des Auslandes herabgezogen und die Liquidität soll dabei den konjunkturpolitischen Erfordernissen angepaßt, also verknappt, werden. Das Pferd bekommt derart Kandare und Sporen gleichzeitig zu spüren.. was es bekanntlich nicht gern mag.