Ein hoffentlich letztes Wort zum Jugendbuchpreis

Im Juni war es, daß die Jury des „Arbeitskreises für Jugendschrifttum“ dem siebenundzwanzigjährigen Michel del Castillo den Jugendbuch-Sonderpreis „Der junge Mensch in seiner Welt“ zusprach; am 11. November sollte er ihm in München übergeben werden; genau eine Woche vorher, am 4. November, erfuhr (nach, der Darstellung des Familienministeriums) Dr. Lambert Schneider, der Vorsitzende des Arbeitskreises, von Worwürfen gegen del Castillo, die ihn veranlaßten, schleunigst nach Bonn zu reisen und das Ministerium zu bitten, die Preisverleihung vorerst auszusetzen – „da um die Mitarbeit der Mutter des Verfassers an der ‚Elegie der Nacht‘ in Spanien und Frankreich eine lebhafte literarische Auseinandersetzung entbrannt sei“. Für eine Überprüfung sei keine Zeit mehr geblieben, sagte man, und so wurde del Castillo einfach nicht nach München eingeladen – seine Bitten, gehört zu werden, blieben ohne Antwort.

Keine Zeit? Das Auswärtige Amt wurde bereits am 27. Oktober – und zwar nicht etwa von Dr. Lambert Schneider, sondern vom Bundesfamilienministerium! – gebeten, die „Gerüchte“, del Castillo habe sich des Plagiats schuldig gemacht, nachzuprüfen. Es blieben dem Ministerium mindestens vierzehn Tage, die auf jeden Fall hätten ausreichen müssen, die Haltlosigkeit der Beschuldigungen noch vor der Preisverleihung zu erweisen.

Es hätte nämlich nur einiger Telephongespräche bedurft, um herauszubekommen, daß in Frankreich niemals ein Wort des Zweifels an der Autorschaft del Castillos laut geworden war – und auch, wie es sich mit dem einzigen belastenden Dokument verhielt, das man in Händen hielt: einem Interview mit del Castillos Mutter in der spanischen Estafeta Literaria vom Oktober 1959.

Über dieses Interview befragt, erklärte Isabel del Castillo dem Pariser Vertreter des Hoffmann und Campe Verlags (der die Werke ihres Sohnes in Deutschland betreut) sofort schriftlich, was sie ohne Zweifel auch dem Bundesfamilienministerium erklärt hätte: „Offenbar durch eine Mißdeutung meiner Worte hat man den Eindruck gewonen, der Roman (Elegie der Nacht) stamme von mir und nicht von meinem Sohn. Davon kann keine Rede sein. Als Schriftstellerin habe ich einem jungen Schriftsteller, dessen Mutter ich überdies war, Ratschläge geben können. Das ändert nichts an der Vaterschaft des Werks. Mein Sohn hat Persönlichkeit genug, nicht nur ein, sondern viele Bücher zu schreiben, und er hat es im übrigen bewiesen...“

Mit diesem Brief, den die Welt am 18. November im Auszug veröffentlichte, waren die Plagiatsvorwürfe erledigt; eindeutiger konnte man es sich nicht wünschen. Und auch das Auswärtige Amt ließ am 21. November das Familienministerium wissen, es könne die Gerüchte nicht verifizieren.

Das alles aber reichte offenbar noch nicht. Am 22. November schickte der Beauftragte des Familienministers, Dr. Ott, zusammen mit seinen freundlichen Grüßen einen Brief an del Castillo, in dem es kurz und bündig hieß: „Bitte, haben Sie [Verständnis dafür, daß ich in Kenntnis erhobener Vorwürfe gegen die Autorschaft einen Preis nicht vergeben kann, bevor nicht eine Klärung erzielt ist...“ Es war dies bisher das erste und einzige, was del Castillo aus Bonn hörte.