Von Sigfrid Dinser

Paris, im Dezember

Der Star der Prozeß-Aufführung ist weg. Pierre Lagaillarde, Frankreichs schillscher Offizier, ist geflohen. Und wohin? Nach Spanien. Und warum ist er ausgerückt, wo doch sein Barrikadenprozeß in Paris so gut lief? Ja, wenn man das wüßte. Vielleicht würde General de Gaulle heute noch demjenigen auf der Stelle den französischen Verdienstorden an die Brust heften, der um diese Frage beantworten könnte.

Doch selbst das ist wohl nicht ganz sicher, weil das vorletzte Gerücht in der jüngsten politischen Skandalaffäre behauptet: de Gaulle sei informiert gewesen. Man wundere sich auch darüber nicht, denn die Skandalaffäre ist viel eher ein schlechter Kriminalroman. Ein Kriminalroman, in dem es allerdings offenbar nicht nur um den landläufigen „nauvais-garçon“ geht, sondern um ganz Frankreich.

Am Mittwochabend vergangener Woche hatte sich das hohe Pariser Militärtribunal dazu entschlossen, den Prozeß gegen Pierre und seine vierzehn Freunde für vier Tage auszusetzen. Die schöpferische Pause erschien in der Tat notwendig. Schon vor dem Aufmarsch der Zeugen – im Umfang zweier kriegsstarker Kompanien – war das Anklagematerial unter den heißen Worten und glühenden Blicken der algerischen „Vaterlandsverteidiger“ jämmerlich zusammengeschmolzen. Das ist wahr. Und während die Richter also nach neuen Finessen suchten, fuhr Lagaillarde aufs Schloß zu seinem Bruder Jean nach Südfrankreich, „um sich dort auszuschlafen“. Daß er nicht schlief, weiß mittlerweile jedermann.

Am Montagmittag ein Uhr blieb sein Platz auf der Anklagebank leer. Alarm. Selbst Lagaillardes eigene Verteidiger mimten auf perplex. „Verstehe nicht, ich war doch zu ihm wie zu meinem eigenen Sohn“, schluchzte Maître Gallot, sein Verteidiger: „Ich weiß, er kommt wieder.“ „Ich weiß, er kommt niemals wieder“, erklärte vierundzwanzig Stunden später derselbe Maître Gallot, „ein Mann wie Lagaillarde trifft eine so schwere Entscheidung nicht, ohne es sich genau überlegt zu haben ...“

„Er hat den Kopf verloren... der arme Lagaillarde kann nur den Kopf verloren haben“, schloß man in Lagaillardes zurückgebliebenen Kreisen – scheinheilig – oder doch nicht scheinheilig. „Die Regierung hat ihn provoziert und demoralisiert: den armen Gejagten!“