Eine neue Erscheinung, die es in der Weimarer Republik kaum gegeben hat, ist die Patronage nichtparlamentarischer Berufs- und Interessenverbände. Die Tendenz geht dahin, bestimmte Ämter, an denen die Verbände ein besonderes Interesse haben, mit ihren Anhängern oder Vertrauensleuten, die vielfach zur Bürokratie gehören, zu besetzen oder die Bestellung ihnen nicht genehmer Beamten, die oft sachlich sehr qualifiziert sind, zu verhindern oder deren Versetzung zu erreichen.

Die Verbandsherrschaftspatronage, die im Trend unserer pluralistischen Gesellschaft liegt, strebt nicht selten danach, den Vollzug eines sie besonders interessierenden Gesetzes auf diese Weise zu steuern, sei es, um etwaige unerwünschte Gesetzesauswirkungen zu mindern oder erwünschte zu steigern. Was die Verbandslobbyisten im Parlament nicht erreicht haben, soll in den Amtsstuben durchgesetzt werden.

So versuchte der Bundesverband der Deutschen Industrie, die Ernennung des Ministerialrats Günther vom Bundeswirtschaftsministerium zum Präsidenten des Kartellamts zu verhindern, die Mittelstandsorganisationen die Bestellung des Ministerialdirektors Risse zum Leiter der Mittelstandsabteilung im Bundeswirtschaftsministerium. Gewiß haben die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung bis heute noch keine Patronageerfolge im Bundesarbeitsministerium zu verzeichnen gehabt, aber die öffentliche Beschwerde des Präsidenten der Bundesärztekammer über verbandsungefälliges Verhalten der Beamten dieses Ministeriums bedarf wohl keines besonderen Kommentars.

Eine rege Geschäftigkeit in personalibus entfalten auch die Bauernverbände,soweit es sich um die Agrarministerien handelt. Die Gewerkschaften zeigen sich an den Polizeireferentenstellen des Innenministeriums interessiert. Die Verbände der Polizeibeamten, also die Polizeigewerkschaft und die Gewerkschaft ÖTV, aber auch andere Beamtenverbände bemühen sich emsig darum, daß die Bearbeitung der Personalien durch ihre Verbandsfunktionäre in den Ministerien und zuständigen Behörden erfolgt.

Die Verbandspatronage wird zum Teil unmittelbar ausgeübt, teils über die entsprechenden Interessengruppen in den einzelnen Fraktionen, aber vielfach ohne Wissen der Fraktionsleitung. Sie gilt häufig als harmlos, wird daher nicht sehr beachtet, ist aber viel gefährlicher als die Parteipatronage in ihrem heutigen Ausmaß, obwohl sie erst in Ansätzen in Erscheinung tritt. Sie ist unter Umständen auch viel skrupelloser; sie scheut in extremen Fällen nicht davor zurück, die Entfernung eines Beamten von einem Platz, auf dem er ihr nicht genehm ist, durch Diffamierung zu betreiben. Nur am Rande sei bemerkt, daß potentiell die Personalvertretungsgesetze, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, zur Ämterpatronage durch nichtparlamentarische Beamtenverbände führen können.

Es ist kein Wunder, daß sich beachtlicher Kreise der Beamtenschaft bei so mannigfachen, vielfach kaum sichtbaren, aber für sie spürbaren Einwirkungsmöglichkeiten und -versuchen, aber auch manchen Einwirkungserfolgen ein Gefühl der Unsicherheit bemächtigt hat. Manche Beamte haben Sorge, ein Désagrément dieser verschiedenen Gruppen könnte bei einer Beförderung geltend gemacht und unter bestimmten Konstellationen auch wirksam werden. Sie scheuen sich, mit Parteien und Verbänden in Konflikt zu geraten, sie bemühen sich um Gefälligkeitsakzentuierung bei ihren Maßnahmen und Entscheidungen und meiden Härten, um eine etwaige negative Patronage zu verhüten. Diese Neigung, es mit niemandem, der heute mächtig ist oder es morgen werden könnte, zu verderben, mindert das Verantwortungsbewußtsein der Bürokratie, drängt sie zu Unentschiedenheit. Man kann fast von einer Patronage-Timidität, wenn nicht gar von einer Patronage-Angst sprechen.

Es müssen schon starke, selbstsichere Naturen sein, die diesem nicht faßbaren, aber doch fühlbaren Druck widerstehen. Es sind mir Fälle bekannt, wo von Abgeordneten und Verbandsfunktionären in geradezu schamloser Weise Karriereförderung angeboten und Karrierebehinderung angedroht worden ist.