Auch in Leipzig und Dresden gibt es noch eine deutsche Literatur

Von Martin Beheim-Schwarzbach

Daß auch „dort“ – nämlich jenseits des Eisernen Vorhanges – daß auch dort Deutschland erzähle, nun, das ist klar. Aber was wissen wir im wunderlich-wohlhabenden Westen davon, was geistig, was künstlerisch „dort“ vor sich gehen mag, in jenem Nachbarlande, das uns so fern und fremd geworden ist, als trennten uns Ozeane von ihm; mit dem uns ein inländischer Portosatz und eine Sehnsucht und immerhin roch eine Muttersprache, aber sonst nicht allzuviel mehr verbindet; in jenem unglücklich zwischen Ost und West eingeklemmten Nachbarlande, das wir sogar in Verlegenheit sind, beim Namen zu nennen, weil ein solcher eindeutig nicht feststeht – : mal nennen wir’s „die Zone“ und denken uns dabei dies und das, was mit Besatzung zusammenhängt; mal Ostdeutschland, was doch nicht recht stimmen will, weil Ostdeutschland im heutigen Polen liegt; mal Mitteldeutschland, auch ein schreckliches Wort; und mal „die DDR“, was Deutsche Demokratische Republik heißt und uns schon gar nicht einleuchtet, weil wir einen ganz anderen Begriff vom Demokratischen haben ... Und dort „drüben“ also wird auch erzählt und gedichtet, wir wissen’s vom Hörensagen – und wie könnte es anders sein?

Als kompaktes, einheitlich zu verstehendes Gut sind die Literaturen hüben und drüben hermetisch voneinander abgeriegelt, damit nur keine auf die andere abfärbe – beide Länder müssen wohl eine schreckliche, eine durchaus idiotische Angst davor haben. Denn die Literatur drüben ist engagée, und die hüben ist es nicht, jedenfalls nicht als Soll und Muß. Bei uns kann und darf sie es sein, nach jedweder Richtung außer der hitlerischen hin, aber sie ist nicht darauf vereidigt; drüben ist sie staatlich auf die Innehaltung einer sozialistisch-kommunistischen Linie verpflichtet, und was wir immer zu wissen begehren, ist, ob diese strikte Aufsicht Ausnahmen zuläßt.

Dieser Frage gilt unsere heiße Neugier. Die spärlichen und oft entstellten Darstellungen und Nachrichten, die von drüben eintreffen, vermitteln den Eindruck, als ob ein Autor, der nicht in Reih und Glied bleibt, dort „gründlich unten durch“ ist, so daß ihm auf die Länge nur die „Republikflucht“ bleibt, wie das genannt wird; also wohl die Flucht von Republik zu Republik. Von zahlreichen Flüchtlingen wird bestätigt, daß es so ist, wobei dann aber immer noch ein Wunschrest von Zweifeln bleibt.

Wie dem auch sei, es hat jetzt ein Münchener Verlag unternommen, unserer bangen Neugierde einen Scheffel voll Nahrung, unserem Wissensdurst einen Liter Befriedigung zuzuführen:

„Auch dort erzählt Deutschland“, Prosa von „drüben“, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki; List – Taschenbuch Nr. 170, Paul List Verlag, München; 164 S., 2,20 DM.