K-a, Frankfurt

Wer bislang noch glaubte, er lebe vernünftig, wenn er zeitig schlafen gehe, sich satt esse, nur mit Maßen trinke und selten rauche – der wurde jetzt in Frankfurt eines Besseren belehrt. Er ist ein Sünder, ein Mensch, der Raubbau mit dem kostbarsten Gut, seiner Gesundheit, treibt. Zwei Ärzte von der bisher kaum bekannten „Gesellschaft für Gesundheits- und Lebensschutz“ haben das jetzt deutlich ausgesprochen. Sie halfen mit, die „Gehumin“ zu gründen, eine Gesellschaft, die von hier aus ein Versandgeschäft mit natürlicher Nahrung und Kleidung betreiben will. Der großzügige Laden dieser Gesellschaft heißt „Die Lebensinsel und will mit dem Verkauf von Spitzenerzeugnissen der Landwirtschaft und Textilindustrie helfen, entschieden zu leben und jedem Kompromiß zu entsagen“.

„Entschieden leben“ – das heißt, nach Ansicht der Gehumin, ungekochte, ungefärbte und unkonservierte Marmelade essen (1,80 DM das Pfund), Butter (1,95 DM das halbe Pfund) aus Schleswig-Holstein, wo das Gras unter „günstigem Einfallswinkel der Sonne wächst, der Boden ohne Kunstdünger bleibt und die Kühe auch im Winter richtig ernährt werden“. „Entschieden leben“ heißt Lactose-Brot essen – „fünffach patentiertes Verfahren eines besonderen Aufschlußprozesses zur Freilegung aller im ganzen Korn enthaltenen Wirkstoffe...“ (1,50 DM das Pfund); es bedeutet auch, sich beim Wein auf Trockenbeeren-Auslese und Traminer-Spätlese zu beschränken.

Und damit kein, aber auch gar kein „Fremdstoff“ an den Körper komme, werden leinene Tischdecken verkauft, leinene Bettwäsche und Wolldecken, Angora-Unterwäsche und wollene Herrensocken ohne Gummizug. Und schließlich, wenn der Absatz steigt und sich Fabrikanten finden, will die Gesellschaft auch zum „reinseidenen Damenstrumpf“, dem Traum der zwanziger Jahre, zurückkehren.

Die wissenschaftliche Begründung der neuen Gesundheitslehre ist gruselerregend. Da wird von einer Klinik berichtet, die in einem Jahr drei Geburten mit Gehirnlosigkeit zu verzeichnen hatte. Es wird nachgewiesen, daß die Zahl der Mißgeburten in Westdeutschland und auch anderswo erheblich angestiegen ist, und es wird erklärt, daß Zucker ein „Todesmittel“ ist, weil er so bearbeitet wurde, daß eine „leblose Masse“ übrigblieb, die in „ihrer Dichte als Gift wirkt“ und alle „ihm fehlenden, zu seinem Abbau jedoch notwendigen Vitalstoffe, Spurenelemente und organischen Mineralien brutal an sich reißt“.

Und das Geschäft blüht! Das bestätigen die Telegramme der Geschäftsleute („Schicken Sie bitte umgehend ...“) und die Glückwunschadressen. Glauben Sie wirklich, daß man sich auf die Dauer Ihre Produkte leisten kann?“ haben wir gefragt. „Für die Gesundheit ist heute den Leuten kein Preis zu hoch“, war die Antwort, „und Geld ist ja überall vorhanden.“