Walter Jens: „Gegen die Überschätzung Gerd Gaisers“, ZEIT Nr. 48

Wenn Walter Jens moderne Literatur behandelt, vergißt er zuweilen die Schulung des klassischen Philologen. Er spricht von „belegender Analyse“ – überzeugt ist man jedoch am Ende nur von zweierlei: Einmal kann er es Gaiser nicht verzeihen, daß er kein Linksintellektueller ist, zumal da er, zweitens, nicht zur Gruppe 47 gehört.

Daß Gaiser von der Jugendbewegung herkommt, ist kein Geheimnis, aber dem Unbefangenen erscheint das noch nicht als literarischer Minuspunkt. Man nimmt es als verzeihliche Schwäche hin, daß Herrn Jens das plumpe Etikett „romantisch-völkisch“ letzte Auskunft für Gaiser ist, aber nun gar „antisemitisch getönt“ – da muß man es schließlich ernst nehmen. Von „germanischen Sonnengestalten“ bei Gaiser zu reden, gilt ihm das als Beweis? Oder als elegante Polemik? Aus dem Werk Gaisers, einschließlich den vor 1945 erschienenen Gedichten und Erzählungen, ist mir Meine antisemitische Äußerung bekannt. Wenn Herr Jens einen solch schwerwiegenden Vorwurf leichthin ausstreut, gestützt lediglich auf eine ausgeklügelte Parallele zwischen dem Bösewicht Rakitsch und der Itzig-Diktion, dann macht das eben den Eindruck der Voreingenommenheit, der sich übrigens unschwer ergänzen läßt durch die Beobachtung einer umgekehrten, positiven Voreingenommenheit gegenüber der roten Färbung Blochs und vieler anderer und selbst gegenüber der politischen Infantilität Enzensbergers.

Die „Schwarz-Weiß-Zeichnung“ beherrscht also Herr Jens weit besser als Gaiser. Von der Sache bleibt nicht viel, wenn er Gaisers Thema auf eine „Antithese“ echt-natürlich gegenüber zivilisiertdekadent reduzieren will. Daß die Erzählungen, daß „Eine Stimme hebt an“ und „Schiff im Berg“ in dieses Schema schon gar nicht passen, müßte ihm doch aufgefallen sein, und ebenso, daß die angedeutete Thematik nicht ein aufpolierter Jugendstil-„Camenzind“ sein kann – es geht schließlich um die nie veraltende „Antithese“ von Werden und Sein, Leben und Kunst, Wirklichkeit und Künstlichkeit, Verwesung und Dauer.

Ebenso fragwürdig wie die Angaben über die Thematik ist die Methode, mit der Herr Jens nachweisen will, daß Gaiser „der schlechteste Stilist“ unter den bekannten Nachkriegsautoren sei. Er sollte da vorsichtiger sein. Bei seinen Beispielen kann man durchaus auch anderer Meinung sein.

Es ist natürlich grotesk, daß sich Herr Jens nicht das Zugeständnis abringen zu können glaubt, Gaiser unter die „guten Schriftsteller“ zu zählen, und es ist eine sehr effektvolle Geste, ihm von oben herab auf die Schulter zu klopfen („Romantik ist eine ehrenwerte Sache“) und anschließend alle Erzählerfähigkeiten abzuerkennen („wenn er ... Maximen vorträgt oder schlichtweg erzählt, scheitert er“ – dabei „trägt“ er nie Maximen „vor“, sie stehen immer im Zusammenhang, aus dem Herr Jens sie zitatweise reißt, und daß er nicht erzählen kann, was keiner Erläuterung zu bedürfen scheint, bestreite ich entschieden).

Bedenklich aber wird’s nun, wenn er Gaiser als Nachfolger der „Kolbenheyer und Griese“ hinstellt. Es ist der Punkt, wo man sich nach den Gründen solcher Zuspitzung fragt. Es gibt sicherlich deren mehrere; einen davon kann man vielleicht dem Artikel selbst entnehmen. Eine längere Einleitung behandelt bedauernd die allgemeine Vernachlässigung des Alltäglichen und Bevorzugung des „Schillernd-Diffusen“. Ganz recht, das war nie Gaisers Schwäche, allerdings nicht, weil er zu „edler“ Traktätchenliteratur neigt. „Exzentrisches langweilt mich unwiderstehlich“, bekannte er schon zu einer Zeit, als die Gruppe 47 sich noch exzentrisch gab. Das ist sein einer Fehler. Und wenn nun, spät genug, die „neue Linie“ sich in eine ähnliche Richtung bewegt, dann sind der Gruppe dort Einzelgestalten wie Gaiser um Jahre voraus; das ist der andere Fehler. Sie stören einfach. Denn von den früheren Anschauungen spukt sicher noch diejenige umher, nach der die Qualität eines Schriftstellers nach dem Originellen, nach der staunenswerten Neuheit zu messen ist. Fiele dieses Kriterium weg, dann wäre man ja beinahe schon „restaurativ“, und so weit kann man schließlich auch nicht gehen.