Von Arno Schmidt

Arno Schmidt unternimmt es in dieser Artikelserie, dem mystisch-kultischen „Schlüssel“, den Robinson und Campbell zu James Joyces ebenso berühmtem wie schwierigem Alterswerk Finnegans Wake geliefert haben, eine stark abweichende, eine „schwarze“ Interpretation entgegenzusetzen. An Hand einer umfangreichen Indizienliste weist er nach, daß sich Finnegans Wake auch als ein verhohlenes, giftiges Pasquill lesen läßt, dessen Objekt James’ Bruder Stanislaus Joyce ist. Einer der Gründe des Streits: James’ Gefährtin Nora Barnacle. Zunächst die Identifikation der Personen des Werkes.

James also ist unter anderem „Wellington; Nick; Grashüpfer; ein Greif; Caddy; Jerry; Hyacinth O’Donnell; Dolph; Das Weiße Pferd; Der Käsige; Der Unsterbliche Weizen“; er erscheint ebenso als „Schott“ wie als „Esel“ – speziell dies die Nomenklatur des Cervantes; denn „donkey“ plus „schon“ ist eben nichts, als Don Quichotte (französisch ausgesprochen); und dem, der’s nicht glauben will, erscheint Bruder Stanislaus prompt auf Seite 234 als „Sin Showpanza“, als „Sancho Pansa“ (wobei gleich „Sünde“ und „Show“, also „Schein“, wie auch „Schimpanse“ und „Pansen“, also „Freßsack“, eingeblendet sind). Und wenn James sich auch zuweilen ein bißchen ironisiert hat, im allgemeinen ehrt er sich doch recht eindrucksvoll, der „Tree-Man-Angel“: „Uns füttert sein Forst, kleidet sein Holz, seine Rinde birgt uns, seine Blätter sind unser Lesestoff“ (Seite 504 f.; die Stelle ist ausgesprochen „schön“).

Zur Identifizierung von Frau Nora kann bereits Seite 423 ausreichen, wo James von sich aussagt, er sei „barnacled up to the eyes“ – sie war ja eine „geborene Barnacle“, die „limpet lady“. Sie erscheint als „Wolkenmädchen“, als „Nuvoletta“, mit ihrem Spiegelbildchen, der „Nuvo-Luccia“: das ist die Tochter Lucia Joyce. Eine „junge Bardame“ wird die ehemalige Kellnerin genannt; eine „Prank-Queen“, eine „Königin der Possen und Streiche“. Ein ganz untrügliches Immerfort-Kennzeichen ist ihr dreißigfach gerühmtes Haar: James hatte das „blond“ Gorman’s eigenhändig in ein „rousse-auburne“ korrigiert, in „rot, beziehungsweise kastanienfarben“; und ergo lesen wir im ganzen Wake von der „auburn maid“, dem „brazen lock’d damsel“ mit den „hummerfarbenen Locken“, dem „Rot-Gewirre“, den „Kupferlocken“ der „Ginger-Jane“. Beziehungsweise, in ernsterer Stimmung, vom „frechen Teufel, vom rotbehaarten“, der keines der Bücher des Gatten auslas, sondern zeitlebens nur Groschenhefte – die Fabel, wie sie uns der Halbroman Gorman’s aufbinden will, vom wundersamen Eheglück der beiden „Inseparables“, verträgt keinerlei nähere Beleuchtung.

Auf Seite 210 erscheinen namentlich die „my sorellis“, die Schwestern „Eva und Eileen“ Joyce, „both my respectable sœurs“ (selbstverständlich auch öfter, wie ich denn immer hier nur ein Beispiel gegeben habe, für das ich hundert hätte setzen können). Mit Namen genannt werden außerdem im Text noch William Archer; Gorman; Miß MacCormick, die Mäzenin; oder die Schule Clongowes Wood College.

Am meisten Sorgfalt ist allerdings auf den Bruder verwendet, auf Stanislaus Joyce. Wenn man den englisch prononciert, wird er zum „stainusless“, zum Herrn „Fleckenlos“, und auf Seite 237 findet man ihn flugs also bezeichnet (das weiß auch Ellmann, der Joyce-Biograph); Seite 463 ist es zu „stainedglass“ abgewandelt; in der Fußnote 277 zu „stainidsglass“. Ins Lateinische hat er ihn übersetzt als „Immaculatus“. Der „Bruder Jonathan“ erscheint als „morose Maurice“ (als der er schon im Stephen Hero figurierte). Und an all diesen Stellen ist er der endlos-aufgeklärte, konstablerhaft-knüppelnde Shaun; Kev-Kevin; Chuff; Jones „Der Butterige“; Taff; Jaun; Yawn; Heliotrop. Die „Ameise“, die ewig-sparsame, die mit dem lustig-genialen „Grashüpfer“ konfrontiert wird; der „Stein“, der dem „Baum“ entgegengesetzt ist, wie der sture „Raum“ der schön-wandelbaren „Zeit“ (ich betone, daß ich hier mit James’ Worten referiere – man könnte ja auch eine Ansicht vertreten, die den Raum „verläßlich“ nennt und die Zeit „friseurhaftflitzerisch“!). Immerhin: „Zwei Söhne wurden zu einer Stunde geboren ... sie gaben sich selbst die Namen Caddy und Primas: Primas wurde ein Schupo und drillte alle anständigen Leute; Caddy verschwand ins Weinhaus und schrieb eine Farce.“

Aber James Joyce scheute auch die plattesten Tiefschläge, ja „Sauhiebe“ nicht: „mein gelehrter Freund, Brotfressor Jones“ muß der Bruder ihm heißen, jener „Große Schulmeister“, der es nun einmal (und auch dies eine unverächtliche Leistung!) vom sperlingsärmchenhaften Dubliner Gassenjungen zum angesehenen und geachteten Universitätslehrer gebracht hatte. „Promptboxer“ ist der „geborene Barbar“; „blonder Lügner“; „Briefträger“ „liebeskranker Briefchen“. „Humpty-Dumpty“ ist er (frei nach Carroll’s Alice im Wunderland, die Joyce überhaupt mächtig angeregt hat; zumal der zweite, der „Spiegel“-Teil), und dies nicht ohne herausfordernden Nebensinn: rühmt sich doch auch in jener unvergleichlichen Alice der Dicke: „I can explain all the poems, that ever were invented!“ – wozu man wissen muß, daß, als Stanislaus den Bruder tadelte, weil er ein völlig unverständliches Nachtbuch verzapfe, dieser ihm verkniffen-boshaft entgegnete: „Das Erwachen wird schon folgen.“ (Womit Ellmann’s amüsantes Mißverstehen des blanken Hohnes zu vergleichen ist.)