Das ist munter. Das ist witzig. Das ist toll gekonnt; Der Autor muß ein alter Routinier sein – und doch hat man seinen Namen noch nicht oft gehört. Der Verlag muß eine feine Nase für Qualität von der leichteren Sorte besitzen – wie kommt es nur, daß er damit bisher noch nicht besser reüssiert hat?

Es handelt sich um ein Deutschlandbuch, nun ja, so kann man es wohl nennen; besser vielleicht: ein Büchlein über die Bundesrepublik, das den vergangenen fünfzehn Jahren, in denen die Lage oft noch niemals so ernst war, mancherlei Scherzchen abzugewinnen versteht, ja, das absatzweise herrlich komisch ist und dann doch einen ruhigsachlichen Reporterton zurückzufinden weiß – es handelt sich um

Klaus Wolff: „Blick zurück ohne Zorn“ – Kleine Chronik einer nicht viel größeren Zeit; Kreisselmeier Verlag, Icking/Obb.; 122 S., 15 Vignetten von Charlotte Flemming, 7,80 DM.

Gewiß, manches darin ist einfach läppisch. Allzu ernsthafte Leser werden sich an vielen Stellen stoßen, ohne daß man sie deswegen völlig humorlos schelten dürfte. Das gilt vor allem für den gereimten Zweizeiler, der offenbar in jedem Kapitel funk-obligatorisch war. Man hört es und staunt: die Unterhaltungsabteilungen des Bayerischen und des Norddeutschen Rundfunks haben dieses Büchlein inspiriert – die Kollegen von den ernsteren Musen täten gut daran, sich das, was dabei herausgekommen ist, mit Sorgfalt und Neid zu betrachten.

Diese und jene Entgleisung passiert, gewiß; aber wie könnte das anders sein, wenn jemand sich bemüht, 122 Seiten lang einen leichten Plauderton durchzuhalten. Das Erstaunliche ist vielmehr, daß es im Ganzen dennoch gelingt. Und dann klingt diese Prosa so:

Im März (1954) tagten in Bonn die Soldatenbünde und -verbände und erhielten dabei auch – die Zeiten waren wieder so – den Besuch manch prominenter Bundesbürger, wie etwa Hermann Ehlers und Franz Josef Strauß. In seiner Ansprache attackierte Strauß ein vor kurzem erschienenes Buch mit den Worten: „Solche Pamphlete können den deutschen Soldaten in seiner Selbstachtung nicht treffen!“ – Das gemeinte „Pamphlet“ trug den Titel „08/15“ und war geschrieben von Hans Hellmut Kirst, dessen materieller Wohlstand nach dieser Rede gesichert war, denn erst kamen die Leser, die jetzt neugierig geworden waren, was in dem Buch eigentlich drin stand, und dann kam der Film, der neugierig geworden war, wieviel sich mit dem Buch wohl verdienen ließe. Kirst setzte sich sofort hin und fing den zweiten Teil „08/15 im Krieg“ an, und wieder gab es Leute, die diesen Band für „das Letzte“ hielten. Sie irrten. Kirst schrieb noch einen dritten Teil. Oder so:

Am 24. Oktober (1956) brach in Budapest der Aufstand los und griff innerhalb weniger Tage auf das ganze Land über. Ein kleines, aber entschlossenes Volk kämpfte um seine Freiheit, und das bolschewistische System war – wieder einmal – demaskiert, denn seine Antwort bestand in der Anwendung militärischer Machtmittel. Aber das moralische Überlegenheitsgefühl der westlichen Völker blieb nicht mehr lange unangetastet. Am 30. Oktober schlug Israel gegen Ägypten los und am 31. folgten England und Frankreich. Moskaus Alibi war perfekt, und wir Durchschnittsbürger saßen da und fragten uns! „Mußte das sein?“ – Der moralische Unterschied war dann nur: im Falle Ägypten wurde die UNO sehr bald wirksam, im Falle Ungarn versagte sie. Auf seiner Pressekonferenz erklärte Präsident Eisenhower zwar Ende Oktober: „Amerika ist mit dem Herzen beim ungarischen Volk“ – aber eben das war der Unterschied zwischen Ost und West: wir waren mit dem Herzen in Ungarn und die Sowjets mit Panzern.

Wer sich dadurch abgeschreckt fühlt, ignoriere diese Besprechung. Wer es doch recht nett findet, kaufe sich das Büchlein – er wird noch vieles Ähnliche und sicher auch manches Bessere darin finden. R. W. L.