Von Theo Sonn

Der liebe Gott sorgt für die Kinder, die Betrunkenen und die Amerikaner" – die Behauptung stammt, wenn ich mich recht entsinre, von Bismarck. Das nonchalante Wort des alten Reichskanzlers fiel freilich in einer Zeit, da Goethes Zeile "Amerika, du hast es besser" noch Gültigkeit besaß und da die Vorstellung von den Vereinigten Staaten als einer Arche Noah, die durch Gottes Gnade der Sintflut entrinnt, Millionen in eine neue Heimat jenseits des Atlantiks trieb.

Damals schöpften die Amerikaner noch unbeirrt aus jenem untragischen Optimismus, der bis in die jüngste Zeit hinein ihre Weltschau bestimmte. Sie wußten sich geborgen in der Gewißheit, daß sie ihr Schicksal aus eigener Kraft zu meistern vermochten, dem unnützen Erinnern und dem vergeblichen Streit der Alten Welt auf immer entronnen, hingegeben an den "Amerikanischen Traum": die Eroberung ihres Kontinents und die Vervollkommnung ihrer Gesellschaft. "Der Amerikaner bewohnt ein Land der Wunder", hatte Tocqueville diesen Traum beschrieben. "Alles um ihn ist in steter Unruhe, und jede Bewegung erscheint als Fortschritt. Die Vorstellung des Neuen ist in seinem Geist eng mit der Vorstellung des Besseren verknüpft. Nirgends erblickt er die Grenze, welche die Natur den Mühen des Menschen gezogen haben mag; in seinen Augen ist das nicht Vorhandene das noch nicht Versuchte"

Inzwischen ist der täuschende Fortschrittsglaube längst gründlich dahin, die Amerikaner sind an ihre Grenze gestoßen, die vermeintliche Arche ist unvermeidlich in den Mahlstrom der Geschichte gezogen worden, und diese Geschichte gilt nicht mehr von vornherein als freundliche Macht, wie auch der Ozean ja keinen Schutz mehr bietet. Der Versuch Amerikas, abseits des großen Weltgetümmels still vor sich hinzuprosperieren, ist gescheitert, sein Traum von der Machbarkeit und Beherrschbarkeit der Dinge ist zerbrochen, die Utopie ist ausgebrannt, ist verdünnt worden zum billigen Konsumglück.

"In diesen sechziger Jahren", so steht es in dem besten Amerikabuch, das nach dem Kriege in deutscher Sprache erschienen ist –

Herbert von Borch: "Die unfertige Gesellschaft – Amerika, Wirklichkeit und Utopie"; Piper Verlag, München; 374 S., 17,50 DM

– "in diesen sechziger Jahren ist Amerika dazu verurteilt, die Bruchstücke zusammenzusuchen und zu sehen, was zu retten ist. Was gerettet wird, hat keine Traumqualität mehr. Es ist die große, die heilende Ernüchterung, deren Ausgang noch keiner kennt. Kein Volk darf, so scheint es, ewig mit der Utopie leben ...".