Die christlich-demokratische Regierung Italiens hat in diesen Tagen einen Gesetzentwurf verabschiedet, der die Zensur von Filmdrehbüchern vorsieht. Falls das vom Kabinett Fanfani gebilligte Gesetz vom Parlament angenommen wird, dürfte mit den Dreharbeiten an einem Film erst begonnen werden, wenn es von den Staatsanwälten gelesen und gutgeheißen worden ist. In Italien ist es in den letzten Wochen wiederholt zu lebhaften Auseinandersetzungen über die staatliche Filmzensur gekommen. Kürzlich erst war in Mailand Strafanzeige gegen den Schriftsteller Alberto Moravia und den Regisseur des Films „La giornata balorda“ (Der verrückte Tag) gestellt worden wegen „Aufführung eines unsittlichen Schauspiels“, und die römischen Zensoren haben sogar untersagt, daß Tennessee Willams’ Roman „Mr. Stone und ihr römischer Frühling“ in Italien verfilmt wird. Nach Fellinis „Dolce vita“ argwöhnisch geworden, ist das zuständige italienische Ministerium der Auffassung, daß es sich um eine Verunglimpfung der italienischen Gesellschaft handeln könnte. Die Hauptdarstellerin Vivian Leigh und ihre amerikanischen Kollegen müssen in London bleiben. Zu den rigorosen Eingriffen der italienischen Zensur nimmt unser Mitarbeiter Indro Montanelli Stellung.

Seien wir ehrlich: die Zensur, wie sie heutzutage in Italien gehandhabt wird, ist ein glattes Versagen. Offiziell liegt sie in den Händen einer Kommission, die direkt dem Minister für Sport und Tourismus untersteht. Er erscheint sogar persönlich, wenn ein zensurierter Filmproduzent oder Regisseur Berufung einlegt, und läßt sich den beanstandeten Streifen noch einmal vorführen. Er kann ihn dann entweder neuerdings verwerfen oder wieder zulassen, aber damit ist die Lebensdauer des Films noch lange nicht gesichert, denn die obengenannte, von dem Minister präsidierte Kommission hat keineswegs die Macht, ihn auch definitiv anerkennen zu lassen, denn jeder Staatsanwalt jeder italienischen Stadt hat das Recht, das Urteil anzugreifen und den Film auf Wunsch zu verbieten. So ist es Ludvino Visconti mit „Rocco und seinen Brüdern“ (ZEIT Nr. 44 und 46) und Michelangelo Antonioni mit seinem „Abenteuer“ gegangen (L’Avvoentura, dem Film, der ebenso wie Fellinis das „Süße Leben“ der italienischen Gesellschaft zum Thema hat und auf den diesjährigen Festspielen in Cannes den Preis der Jury erhielt), um nur die eklatantesten Fälle der letzten Monate zu nennen. Andere Streifen wurden en bloc schon in erster Instanz verurteilt oder wie Cayattes „Jenseits des Rheins“ vorsorglicherweise schon in erster Instanz beschnitten.

Es soll nicht zur Diskussion stehen, ob die römische Zensur gut oder schlecht gehandelt hat, diesen oder einen anderen Film zu verbieten oder zu beschneiden, ich möchte nur sagen, daß eine solche Prozedur nicht eine Ordnung garantiert, sondern ein vollständiges Chaos hervorruft. Und man komme, mir nicht damit, daß die Staatsanwaltschaft auf Grund irgendeines Gesetzes handelt, das sie berechtigt, einmal gefällte Entschlüsse einer eigens dazu berufenen Kommission wieder rückgängig zu machen. Es würde nämlich lediglich beweisen, daß das Chaos amtlich bestätigt ist, aber leider dadurch nicht aufhört, Chaos zu sein. Man kann verstehen, daß ein Filmproduzent, bevor er einen Film auf den Markt wirft, gezwungen wird, ihn auf seine Moralität hin zu prüfen, aber es ist einfach nicht zulässig, daß sein Streifen, der ihn schließlich hunderte von Millionen gekostet hat, ad infinitum den Grillen eines Staatsanwaltes ausgesetzt wird, der vielleicht ein Genie in der Jurisprudenz ist, aber nichts von Filmen versteht.

Wie kann man überhaupt Moralprobleme dem Urteil von Männern überlassen, die gewohnt sind, Menschen und Dinge nach den rigorosen Grundsätzen des Strafgesetzbuches zu beurteilen? Dann kommen eben jene „Vergleiche“ und jene Kompromisse zustande, bei denen lediglich gewisse Szenen herausgeschnitten oder einzelne Passagen verdunkelt werden.

Aber die Unmoralität eines Filmes liegt ja nicht in den einzelnen Passagen, sondern, wenn überhaupt, in den Schlußfolgerungen, die er, im ganzen gesehen, vermitteln will. Das „Süße Leben“, um nur ein Beispiel zu nennen, hatte an sich mehr als genug von diesen „unmoralischen“ Szenen, aber der Zensor tat gut daran, sie dennoch stehenzulassen, denn am Schluß vermittelten sie ein Gefühl des Abscheus und der Langeweile. Natürlich muß einer das Talent Fellinis besitzen, um aus Abscheu und Langeweile einen großen Film zu machen, und selbstverständlich gibt es viele andere, die das Obszöne um des Obszönen willen bringen, aber wie sollte man diese feinen Unterschiede einem Gericht verständlich machen?

Unterdessen aber ist der Konflikt, den die Staatsanwaltschaften der Provinzstädte, wie zum Beispiel Mailand, hervorriefen, so groß geworden, und das Problem hat sich so kritisch zugespitzt, daß es absolut nötig ist, eine Lösung zu finden, wenn man nicht Gefahr laufen will, die gesamte italienische Filmproduktion zunichte zu machen. Zwar trägt sie selbst heute wenig dazu bei, sich beim Publikum beliebt zu machen, aber wir wollen doch nicht vergessen, was sie getan hat, um das Weltinteresse auf Italien zu lenken. Denn wenn es Italien gelungen ist, international wieder zu einer gewissen Geltung zu kommen, so verdanken wir dies „auch“ dem italienischen Film, der, unter einem Dutzend schlechter, doch jedes Jahr jene zwei oder drei ausgezeichneten hervorbringt, die die Konkurrenz auch auf internationaler Ebene aushalten, ja, sie sogar manchmal schlagen. Oft war auch der Film eine Art Eisbrecher für die italienische Literatur und das italienische Theater, und in Italien selbst gelang es ihm, mit einem gewissen Konformismus und mancher frommen Scheu zu brechen. Wenn die Italiener sich selbst heute mit freieren und vorurteilsloseren Augen betrachten können, so ist das zum großen Teil sein Verdienst. Aber um dieses keinesfalls zu unterschätzende Resultat zu erreichen, war es nötig, an gewisse Tabus zu rühren.

Nach unseren heutigen Gesetzen aber kann jeder xbeliebige Bürger einen Film wegen Unmoralität bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, die ihrerseits die Vorführung verbieten und den Bildstreifen nochmals derselben Zensurkommission zuweisen kann, die ihn schon vorher begutachtet und gutgeheißen hatte. Es wäre im Interesse aller, wenn der italienische Staat ein für allemal festsetzen würde, wem die Zensur eines Bildstreifens zusteht, denn es ist absolut unmöglich, auf diese Art und Weise fortzufahren.