Von Barbara Bondy

Nicht auszudenken, wie ein deutscher Verleger reagiert hätte, wenn ein einheimischer Schriftsteller auf den Gedanken verfallen wäre, eine Riesenbiographie beispielsweise der erstaunlichen Madame de Staël zu widmen, die in den Literaturgeschichten modert und bestenfalls noch in romanistischen Proseminaren zu Wort kommt. Vermutlich hätte er mit Schaudern abgelehnt, denn vor seinem geistigen, besser: merkantilen Auge wäre kein einziger Käufer, geschweige eine potentielle Käuferschicht, aufgetaucht. So aber, angesichts einer Originalausgabe, die eine Auflage von über 100 000 Exemplaren aufzuweisen hat (und das in einem Lande, das für längst verblichene hommes oder femmes de lettres nicht allzuviel Interesse übrig hat), sah die Sache anders aus. Und eine amüsantere historische Biographie läßt sich kaum denken als die von

Christopher Herold: „Madame de Staël – Herrin eines Jahrhunderts“, aus dem Englischen von Lilly von Sauter; Paul List Verlag, München; 480 S., 22,80 DM.

Ich habe keine Ahnung, ob der Erfolg in den USA auf die bundesrepublikanischen Leser ansteckend wirkt. Es wäre nicht undenkbar. Es wäre eine verständliche Rache des Publikums an den besseren und schlechteren Romanen dieser Jahre, die bekanntlich immer anstrengender, immer obskurer, immer sauertöpfischer werden, den Leierkastensong „Vom Nichts ins Bett und vom Bett ins Nichts“ unermüdlich herunterorgeln, wenn sie nicht vorziehen, auf die Anwesenheit des „Tiers, das sich langweilt“ weitgehend zu verzichten.

Die erholungssuchende Hinwendung zu einem Buch wäre folglich denkbar, das mit einer Vehemenz sondergleichen eine der faszinierendsten Figuren, auf jeden Fall die erstaunlichste aller Frauen, die je in Europas Geschichte mitredeten, vom historischen Tode auferweckt: Madame de Staël, geborene Germaine Necker, 1766 bis 1817. Sie war der weibliche Exponent einer Epoche, die mit Gedanken und Taten, Geist und Feuer über die Welt loderte – vom Tag des Bastillesturms über die napoleonischen Jahre bis zur Restauration unter den Bourbonen.

Die Umstände hatten sie, die protestantische Schweizerin, ganz nach vorn gestellt, ins Rampenlicht der Riesenbühne, auf der Europas Schicksals- oder Charaktertragödie agiert wurde – und, wahrhaftig, sie spielte ihre Rolle, herrschsüchtig, hysterisch, genial: von den Jugendtagen an, wo sie, Tochter des Genfer Bankiers und Finanzministers Ludwigs XVI., Necker, im „Hauptquartier der Philosophen“ aufwuchs, im Pariser Salon ihrer Mutter nämlich, vertraut mit Diderot, d’Alembert, Gibbon und Buffon – bis zu den letzten Jahren, als nach Napoleons Sturz (bei dem sie nach Kräften mitgeholfen hatte) der Witz durch die Länder zog: es gäbe nunmehr drei Großmächte in Europa – England, Rußland und Madame de Staël.

Sie ahnte, daß man sich im Leben zwischen Langeweile und Leiden zu entscheiden hat, und entschied sich für das letztere, für ein Leben hemmungsloser Intensität, leidenschaftlicher Hingabe an den jeweiligen Augenblick und der rücksichtslosesten Jagd nach Glück, die je eine Frau geführt hat. Glück, das bedeutete für Germaine sowohl Liebe wie Macht, und zwar politische Macht, und beides hat sie im Lauf der Zeit dem Schicksal mit soviel Genialität aus den Händen gerissen, daß diesem als einzige Rache übrigblieb, die ewige Unzufriedenheit mit dem Erreichten über sie zu verhängen.