H. W.: „Um Schlimmeres zu verhüten ...“, ZEIT Nr. 49

Ich bin erst 26 Jahre alt. Aber „ich verstehe die Welt nicht mehr!“, oder noch nicht gut genug? Da fordert jemand, der zu „lebenslänglich“ verurteilt wurde, weil man ihm eine immense Mitschuld an den Verbrechen des Naziregimes nachwies, von unserem demokratischen Staat eine sagenhaft hohe Pension, und das Landesverwaltungsgericht in Schleswig bestätigt ihm auch noch die „Rechtmäßigkeit“ dieser ganz unverschämten Forderung. Wie soll ich nun weiter an die Bußfertigkeit unserer Vätergeneration und an die redliche Gesinnung unserer Richter glauben? Das Urteil bedeutet die öffentliche Wertschätzung dieses Mannes. Dies ist ein Affront gegen alle Antifaschisten, besonders gegen Menschen, die aus guten moralischen Gründen auf eine Karriere unter Hitler verzichteten.

Wir wollen unsere Vergangenheit bewältigen – heißt es allenthalben. Ich bin jetzt im Zweifel, an wen dieser Appell gerichtet ist und wer ihn sich denn wirklich zu Herzen nimmt. Die junge Generation betrifft es ja wohl nicht, alte Gegner des Faschismus haben auch keinen Gesinnungswandel nötig. Und von welchem anderen deutschen Bürger kann man verlangen, daß er eine eigene Mitschuld an den Verbrechen der Hitlerzeit erkenne und bereue, wenn selbst ein damaliger Staatssekretär im Reichsjustizministerium bis heute nicht das Bewußtsein besitzt, rechtswidrig gehandelt zu haben, sondern verlangt, daß man ihn für seine Karriere belohne?

Mein Vertrauen zu der rechtlich demokratischen Gesinnung der ZEIT wurde durch diesen Artikel gerechtfertigt. Silvia Otto, Flensburg

Hans Magnus Enzensberger: „Unsere kleinbürgerliche Hölle“, ZEIT Nr. 48

Ich danke Ihnen für die Glosse über Neckermanns Warenkatalog. Ich traue mich, auch die Gründe anzugeben, warum Proletariat und Kleinbürgertum „der Idiotie näher sind als je zuvor“. An eine Verschlechterung der menschlichen Seelensubstanz ist nicht zu glauben; die hat in historischen Zeiten nachweislich weder zu- noch abgenommen. Jedoch wurden vormals die Gemüter von den Ordnungsmächten stärker reglementiert und in Bahnen gedrängt, die dem hemmungslosen Ausleben der Banalität ungünstiger waren. Patriotismus, Sonntagsgottesdienst und bürgerliche Moral beseitigten zwar nicht die blödeste Geschmacklosigkeit, verweigerten ihr aber die ungenierte Äußerung, so daß im Rückblick sehr wohl der Eindruck einer verständigeren Gesellschaft entstehen kann. Die genannte „Idiotie“ ist ein Vorgang der Enthemmung, welcher vorläufig nur mit Zwang aufzuhalten wäre – und wer möchte den in „Geschmacksfragen“ anwenden?

Wahrscheinlich ist das sogar verfassungswidrig, denn das Recht auf Verblödung dürfte (solange keine strafbaren Handlungen damit einhergehen) ebenso geschützt und garantiert sein wie das Recht auf Bildung. Das legale Mittel ist die Kindererziehung seitens der Schulen, doch deren Erfolg zeigt sich, wenn überhaupt, erst in der nächsten Generation. Dr. Alfons Scholz, Freiburg