Marion Gräfin Dönhoff: „Nur Geld?“ ZEIT Nr. 48

Sie schreiben, eine der Hauptforderungen für eine wirksame Entwicklungshilfe müsse sein, daß Sachverständige und Techniker aller Fachrichtungen in großer Zahl zur Verfügung gestellt werden. Dann stellen Sie die Frage: Aber woher die Sachverständigen nehmen? Und Sie stellen fest: In Einzelverträgen kann man kaum jemand zu solchen Abenteuern verlocken.

Ihre Feststellung ist für mich darum ganz besonders interessant, weil sie meinen persönlichen Erfahrungen und auch denen meiner hiesigen Kollegen widerspricht. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt ist, daß in Südafrika eine ganze Anzahl von Diplomlandwirten und Biologen arbeiten, die mit dem hiesigen Landwirtschaftsministerium Einzelverträge abgeschlossen haben, einfach aus dem Grunde, weil sich bei deutschen Stellen keine Arbeitsmöglichkeiten für sie finden ließen. Viele meiner Kollegen und auch ich würden gern in bundesdeutschem Auftrag, sei es privatwirtschaftlich, sei es im Auftrag einer staatlichen Stelle, unsere Afrika-Kenntnisse in den Entwicklungsländern verwenden, aber es wird uns einfach keine Möglichkeit dazu geboten. Die großen Firmen haben kein Interesse an Fachleuten mit Erfahrung in tropischer Landwirtschaft und Schädlingsbekämpfung, und auch das bundesdeutsche Landwirtschaftsministerium weiß nicht so recht, zu was man uns gebrauchen könnte.

Ich zum Beispiel bin Diplombiologe und arbeite seit 1956 in Südafrika. Zuerst war ich für drei Jahre bei dem hiesigen „Department for Agriculture“ als Entomologe tätig, seit 1959 bin ich jedoch als Pflanzenschutzberater bei der südafrikanischen Firma „Agricura Laboratoria Ltd.“ beschäftigt und in den subtropischen Gebieten Südafrikas eingesetzt. Vor einiger Zeit habe ich die zusätzliche Aufgabe bekommen, eine „citrus experimental farm“ für meine Firma aufzubauen und zu leiten. Nun habe ich mich, wie viele meiner Kollegen auch, für das von Ihnen beschriebene Aufgabengebiet „technische Hilfe für die afrikanischen Entwicklungsländer“ interessiert. Bis jetzt habe ich jedoch ausdauernd und vergeblich versucht, eine Stelle in Deutschland zu finden, die sich für meine Kenntnisse und Erfahrungen interessieren würde, oder die mir gar eine einigermaßen annehmbare Einsatzmöglichkeit vorschlagen könnte. Unter anderem habe ich acht der größten deutschen Pflanzenschutzmittelfirmen angeschrieben und stets die stereotype Antwort bekommen: Jetzt und in absehbarer Zeit haben wir keinerlei Verwendungsmöglichkeiten für Sie. Einen sehr befähigten Kollegen hat man vor ein paar Wochen bei einem Besuch in Deutschland sogar wissen lassen, daß Fachkräfte mit längerem Afrikaaufenthalt nicht erwünscht seien, da sie das Arbeiten in Afrika verlernt hätten.

Sie werden nun verstehen, daß unsere Erfahrungen und die von Ihnen vertretenen Ansichten in einem gewissen Gegensatz stehen.

Dr. Siegfried Schöll, Letsitele, Nord-Transvaal,

Südafrika