Eine Untersuchung der Bilanzen des Geschäftsjahres 1959

Bis auf wenige Nachzügler haben jetzt alle Gesellschaften ihre Bilanz für 1959 veröffentlicht. Die Klöckner-Werke AG, die ihr Geschäftsjahr am 30. Juni schließt, konnte bereits ihren Abschluß für 1959/60 vorlegen. Weitere Unternehmen werden in Kürze folgen. Das Jahr 1959 war – wie ein Überblick über die Bilanzen zeigt – ein Jahr allgemeiner Aufwärtsentwicklung, allerdings bei den einzelnen Unternehmen von unterschiedlichen Ausmaßen. Da für 1960 in etwa die gleichen Faktoren wie für 1959 geschäftsbestimmend gewesen sind, ist die nachfolgende Untersuchung lohnend, da aus der „Bilanz der 1959er Bilanzen“ Rückschlüsse auf die Gewinnaussichten für 1960 gezogen werden können.

Obwohl wir den Vorjahrsumsatz nicht voll erreichten, konnten wir eine Ertragsbesserung erzielen, weil es uns möglich war, durch Stilllegung weniger interessanter Produktionen und Verlagerung der Betriebskapazität auf ertragsgünstigere Erzeugnisse die Gesamtrentabilität des Betriebes zu verbessern.“ – So etwa lautet die Geschäftscharakterisierung in vielen Berichten solcher Gesellschaften, die nicht im großen Strom der Aufwärtsentwicklung gelegen haben. Die Besserung der allgemeinen Marktlage war die Hauptursache, warum die Unternehmen ihre Produktion stärker nach ertragsmäßigen Gesichtspunkten ausgerichtet haben. Umsatzverzichte haben dabei oft mitgeholfen.

Sensationelle Gewinnzahlen wurden keineswegs durch Preiserhöhungen, sondern nur dort erreicht, wo sprunghafte Umsatzsteigerungen mit weitreichenden Rationalisierungsmöglichkeiten und entsprechenden Kostendegressionen zusammenfielen. Wo das der Fall war, blieben die Preise unverändert oder sie wurden sogar noch herabgesetzt. Preiserhöhungen sind hauptsächlich dort eilgetreten, wo eine steigende Nachfrage die Anpassung der Preise an die gestiegenen Kosten gestiftete. Hauptsächlich handelte es sich um lohnintensive Erzeugnisse, die keine ausreichenden Möglichkeiten zum Ausgleich der Lohnerhöhungen durch Rationalisierungsmaßnahmen aufzuweisen hatten. Andere Preiserhöhungen stellten den Ausgleich für den voraufgegangenen Preisdruck dar. Diese Unterschiede sind in den Abschlüssen der Aktiengesellschaften sehr deutlich zu erkennen. Die kräftigsten Gewinnsteigerungen sind meist dort zu finden, wo die Preise unverändert blieben.

Die Ertragsfortschritte des Jahres sind zum erheblichen Teil dadurch möglich geworden, daß die betrieblichen Umstellungsmöglichkeiten besser genutzt wurden. Die Gesamtnachfrage nach Gütern aller Art war so groß, daß die Unternehmen ausreichende Ersatzbeschäftigungen in anderen bisher bereits hergestellten Erzeugnissen bzw. in neuen Bereichen finden konnten, sofern der Markt nicht bereit war, die aus der Produktionslage und der Kostenentwicklung bedingten Preise zu zahlen. Oft genug war diese Umstellung zwangsläufig, weil die Nachfrage nach den ertragsgünstigeren Produkten der Unternehmen stieg, während die Nachfrage nach anderen Artikeln absank. Was lag näher, als die Produktion entsprechend der Nachfrage umzustellen? Andere Unternehmen konnten dann die abgewiesene Nachfrage auf sich ziehen und ihrerseits zu einer besseren Rentabilität gelangen. Es handelt sich also unreine gesamtwirtschaftliche Rationalisierung, die sich ohne viel Aufsehens vollzogen hat.

Nicht immer war der Prozeß so einfach, und oft genug verlangte er große Anstrengungen. Dies vor allem dann, wenn der Ausgleich der Beschäftigung mit anderen Rohstoffen oder mit neuen Produktionsmethoden gefunden werden mußte. Nicht selten mußte sogar eine weitgehende Änderung der Betriebsstruktur vorgenommen werden. Diese Versuche sind auch keineswegs alle ohne Rückschläge verlaufen. Insgesamt vollzog sich dieser Umstellungsprozeß jedoch ziemlich störungsfrei. Die breite Öffentlichkeit hat auch von größeren Störungen nicht allzuviel erfahren, weil jede freigewordene Betriebskapazität schnell von anderen Unternehmen übernommen und auf diesem Wege eine stille Liquidation erleichtert wurde. Der Verkauf der freigewordenen Betriebskapazitäten erbrachte dann auch Preise, aus denen etwaige Verluste weitgehend gedeckt werden konnten.

In den begünstigten Industriezweigen wurden auch die weniger guten Unternehmen mitgerissen. In den benachteiligten Industriezweigen kamen die weniger guten Unternehmen schwieriger mit, sofern nicht Teile auf „ertragsgünstigere“ Produktionen außerhalb des eigenen Marktes auswichen und diesen damit ihren Konkurrenten überließen. Die günstigste Entwicklung ist im Bereich der Produktionsgüter sowie der Güter des gehobenen Bedarfs festzustellen. In anderen Zweigen gibt es dagegen ernste Sorgen, besonders beim NE-Metallerzbergbau, der weiter im internationalen Wettbewerb steht und sich nicht „gesundschrumpfen“ kann, wie es dem Steinkohlenbergbau weitgehend möglich ist. Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Abschlüsse für 1959 gehört auch die Feststellung, daß der Rechenstift keineswegs allein entscheidet. Schwierig wird es vor allem dann, wenn die Nachfrage durch Geschmacksempfindungen mitbestimmt wird. Dies trifft nicht nur für modische Artikel zu, sondern auch für den Bereich des gehobenen Bedarfes. Welche widerspruchsvolle Rolle dabei die Preise spielen, ersehen wir daraus, daß viele der bisher schon gut verdienenden Unternehmen trotz Ausweitung des Absatzes einen Ausgleich für steigende Erzeugungskosten durch Preiserhöhungen gefunden haben, während andere Unternehmen durch „Sonderangebote“ ihren Absatz beleben müssen, was in der Sprache des Alltags nichts anderes als Preisnachlässe bedeutet. Der wirtschaftliche Aufschwung des Jahres 1959 hat also sehr unterschiedlich auf die einzelnen Teile der Industrie ausgestrahlt. Die jüngste Entwicklung läßt vermuten, daß das Jahr 1960 darin kaum eine grundsätzliche Änderung gebracht hat. G. P.