Das Honorarsystem. der gesetzlichen Krankenversicherung verleitet zur Unmoral

Von Hanns Meenzen

Der nachstehende Bericht ist ein Beitrag zur Diskussion um die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung. Er richtet sich nicht gegen die Ärzte oder gar gegen die Ärzteschaft als Berufsstand, deren Gros, das wissen wir, die nachstehend angeführten Beispiele menschlichen Versagens ebenso empört wie die Versicherten, sondern gegen ein System, das zur Unmoral verleitet–und darum geändert werden muß. Mit einer Krankenscheingebühr allein ist es nicht getan.

Dr. med. A. fährt auf Urlaub. Er hinterläßt seinen beiden Sprechstundenhilfen rund 400 blanko unterschriebene Rezeptformulare, zehn unterschriebene Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und benennt einen Vertreter, von dem die Beteiligten wissen, daß er gleichfalls verreist ist; auch die Vertreterkosten werden also gespart. Ohne ärztliche Aufsicht läuft die Praxis drei Tage lang weiter. Es werden Einspritzungen vollzogen, Bestrahlungen ausgeführt und Verbände angelegt. Am dritten Tag erleidet ein Patient einen epileptischen Anfall. Die Sprechstundenhilfen sind dem nicht gewachsen. Ein eilig herbeigerufener Arzt aus der Nachbarschaft erstattet über die Zustände Bericht. Der Betrug kommt an die Öffentlichkeit ...

Es hat zwei Jahre gedauert, bis die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein den Antrag auf Entziehung der Zulassung von Dr. med. A. gestellt hat. Auf Grund ähnlicher Vorgänge erhebt sich aber die Frage, ob die Abrechnungsstellen der Ärzte – eben die Kassenärztlichen Vereinigungen – überhaupt in der Lage sind, ihre Mitglieder so zu kontrollieren, daß dem Mißbrauch, der mit Rezepten und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen getrieben werden kann, ein Riegel vorgeschoben wird. Diese Bescheinigungen sind „bares Geld“, das die Kassen auszahlen müssen.

Gefälschte Krankenscheine

Um solchen Mißbräuchen auf die Spur zu kommen, hat sich eine Krankenkasse der Mühe unterzogen, etwa 1000 Honorarabrechnungen, die von vier Ärzten bei den ärztlichen Verrechnungsstellen eingereicht worden waren, mit den an den Kassenschaltern eingegangenen Arzneiverordnungsblättern, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und anderen von denselben Ärzten stammenden Unterlagen zu vergleichen. Das Ergebnis dieser überaus zeitraubenden Überprüfung: