Nehmen nun die Unfälle in der Wirtschaft zu oder nehmen sie ab? Liest man die Statistik, so steigt ihre Zahl. Glaubt man der Interpretation der Berufsgenossenschaften, so sinkt sie – jedenfalls was die schweren und tödlichen Unfälle angeht. Eine Auslegung der Statistik geht aber an der Sache vorbei, die da heißt: Unfallverhütung.

Die Unfallverhütung soll in stärkerem Maße betrieben werden als früher. Der Geschäftsführer des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Dr. Lauterbach, hat auf seiner; Pressekonferenz in Bonn ausdrücklich zugesagt, gemäß der Anregung von Kritikern die Unfalls Verhütung mit modernen Mitteln voranzutreiben“ Diesem Vorsatz widerspricht es allerdings, wenn man „geringfügige Verletzungen, Prellungen usw., wie sie jedem Menschen täglich passieren“ bagatellisiert, nur um damit die absolute Zahl der Unfälle in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Ob eine leichtfertige Bewegung zu einer Prellung führt oder zum Tode, weiß man erst hinterher. Es gilt, durch die Erziehung zum Sicherheitsbewußtsein das leichtfertige Verhalten überhaupt zu reduzieren.

Um jeden Zweifel an der Aussagefähigkeit der Unfallstatistik zu beseitigen, sollte man sich die Mühe machen, quantitative Analysen anzustellen. Durch sorgfältige Erhebungen bei den Durch-, gangsärzten müßte es möglich sein, einen Überblick zu gewinnen über die tatsächliche Schwere des Unfallgeschehens. Dann kann ein Rückgang bestimmter Zahlen auch nicht gleich als Erfolg der Unfallverhütung gefeiert werden, da doch sehr viele Imponderabilien – Arbeitszeitverkürzung, Fortschritte der Medizin, Verbesserung des Netzes der Durchgangsärzte und der Unfallkrankenhäuser – eine Rolle spielen.

Auch die Gewerkschaften, die in dieser Hinsicht ebenso untätig waren und außerdem dazu neigten, aus dem Verletzten einen Heros zu machen (während er doch oft genug nur ein leichtsinniger Trottel war), hätten allen Anlaß zu sachlicher Mitarbeit, statt mit polemischen Referaten und unrealistischen Forderungen die Unfallverhütung zu einem Zankapfel zu machen. Es geht nicht darum, einen Sündenbock zu finden, es geht vielmehr um eine neue Einstellung zum Unfallgeschehen, -en