Keine Schwenkung, keine Wende in den Methoden der Literaturbetrachtung, bei der nicht wenigstens ein neues Kleistbild entworfen worden wäre. Das paradoxe Ergebnis dieser Anhäufung ist, daß der Ruhm des Kleistschen Werks dabei stetig zunahm. Nicht ohne Bangen sieht man, eingedenk trüber Erfahrungen, dem kommenden Jahr entgegen, in dem die Welt zum einhundertfünfzigsten Mal der beiden Schüsse vom Wannsee gedenken wird.

Doch vielleicht kommt es nur halb so schlimm. Jedenfalls ist der erste Schatten, den das Gedenkjahr vorauswirft, durchaus geeignet, den Freund der Dichtung hoffnungsvoll zu stimmen –

Günter Blöcker: „Heinrich von Kleist oder das absolute Ich“; Argon Verlag, Berlin; 315 S., 15,80 DM.

Blöckers Buch trägt unserem Verhältnis zu Kleists Werk mit einer bisweilen seismographischen Genauigkeit Rechnung, zu seinem Nutzen, gelegentlich auch zu seinem Schaden. Mag Blöckers eigenes Wort vom „Verblassen der Individualitäten“ (aus den „Neuen Wirklichkeiten“, dem Buch, das ihn berühmt gemacht hat) für die moderne Literatur auch zutreffen – für ihn selber gilt es augenscheinlich nicht.

Der Punkt in der Geschichte der Kleistdeutung, bei dem Blöcker anknüpft, ist eine – ausgerechnet von der zünftigen Wissenschaft übersehene – Rezension der ersten Gesamtausgabe von Kleists Werken, die der Rechtshegelianer Heinrich Gustav Hotho im Jahre 1827 schrieb. Blöcker greift Hothos durchaus abwertend gemeinte Urteile über Kleists innere Anschauung und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit auf und dreht sie um. Das mag manchem willkürlich scheinen, ist es aber nicht, denn Blöcker sucht Kleist grundsätzlich nicht als historische Erscheinung zu verstehen, sondern nimmt ihn aus aller historischen Bedingtheit heraus, um ihn als absolute Größe zu betrachten. Nirgends wird es deutlicher als darin, daß jeder Bezug auf Fichte fehlt, den man nach dem Untertitel des Buches wohl erwartet hätte. Blöcker stellt sich damit in die Linie der existentiellen Kleistdeutung, die seit gut drei Jahrzehnten vorherrscht. Hierin ist sein Buch eine Variation, wenn auch eine von Gewicht, aber keine revolutionierende Neuerung.

Die Ablösung vom Geschichtlichen erleichtert Blöcker seine Hauptabsicht: strukturelle Beziehungen zwischen Werken Kleists und moderner Dichtung, „eine essentielle Übereinstimmung“ von kleistischem und modernem Lebensgefühl zu zeigen, und zwar nicht etwa, um Kleist als Propheten der Moderne hinzustellen oder ihn aktuell zu machen, sondern vielmehr, um grundsätzlich die Möglichkeit „einer Literatur von ursprünglicher Mächtigkeit“ zu zeigen, einer Literatur ohne Überfremdungen, die ihr den Blick verstellen könnten auf das Ursprüngliche, das reine Sein der Dinge, die „noch nicht vorgeprägte Existenz“. In dieser Hinsicht äußert Blöcker Programmatisches, das über den Anlaß Kleist weit hinausgeht.

Es mindert Blöckers Verdienst nicht, wenn man feststellt, daß sein kritisches Talent sich weniger im Formulieren und Aussprechen von Theorien und Systemen als in der Interpretation einzelner Szenen, Bilder oder Gestalten entfaltet. Hier gelingen Blöcker Meisterstücke der Interpretationskunst, die zum Besten gehören, das auf diesem Felde bisher geleistet wurde. Allem voran stehen vielleicht die Abschnitte über Kleists Sprache und die Musik.