Von Walter Jens

Es ist leicht, das Porträt einer imaginären Landschaft zu zeichnen und die Regionen des Phantastischen, in Bild und Vergleich, zu enthüllen. Viel schwerer ist es – die Schriftsteller können ein Lied davon singen –, Realitäts-Partikel zu verwenden und dennoch über eine Fassaden-Schilderung hinauszukommen. Der Entwurf einer irrealen Topographie scheint ein Kinderspiel, gemessen an der Aufgabe, die Glasvitrine oder das Catcherzelt so zu beschreiben, daß der Leser aufmerksam wird und plötzlich, gebannt und überrascht, hinter den Erscheinungen den Glanz der Idealität gewahrt. Einer der wenigen Autoren, die sich weigern, unsere Wirklichkeit als ein Objekt der Reporter zu betrachten, hat einen neuen Band Erzählungen vorgelegt –

Siegfried Lenz: "Das Feuerschiff"; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 281 S., 13,80 DM.

Auf den ersten Blick hin könnte man meinen, hier würden nur handfeste stories erzählt: Gangster nisten sich auf einem Feuerschiff ein; Flüchtlinge, die sich mit einem Ruderboot aufs Meer hinauswagen, scheitern erbärmlich; ein Todgeweihter feiert Silvester, der Verschollene taucht unter, ein amerikanischer GI kehrt nach Europa zurück, um die alten Kriegsschauplätze wiederzusehen. Erst bei genauerem Zusehen bemerkt man, daß die deutliche Beschreibung der vermuten Phänomene in Wahrheit überdeutlich ist: Stilisierung jenseits des Naturalismus, Abstraktion als Ergebnis penibler Beschreibung – das ist die Technik von Siegfried Lenz.

Dieser Schriftsteller ist kein täuschender Jongleur; schon nach der Lektüre der ersten Geschichte wird der Leser gewahr, daß hier die exakte Kenntnis als Prämisse künstlerischer Verwandlung erscheint. Lenz hat sich umgetan; er beschreibt das Vertraute – deshalb kann er, souverän distanzierend, verfremden. Er weiß Bescheid, darum kann er weglassen, verkürzet; und verschweigen.

Erinnert man sich? Flaubert, um ein Riesenbild zu beschwören, kam nicht ohne Notizhefte aus: am Anfang Reporter, am Ende Stilist! Auch Hemingway, ein Meister der skelettierenden Prosa, hat die Realitätsstudien niemals verachtet – um eines Satzes willen Hunderte von Springfischen photographiert!

Wer abstrahieren will, muß über einen Fundus handfesten Wissens verfügen: kein "Schloß" ohne die Prager Konturen, kein "Prozeß" ohne das Reservoir der Jurisprudenz!