Richard Neutra: „Stoßstange an Stoßstange“, ZEIT Nr. 49

Auf Grund des in erfreulich frischem Ton geschriebenen Artikels von Richard Neutra wird dem aufmerksamen Leser der riesige Abstand klar zwischen dem, was wir uns leisten können und den Mindestvorstellungen eines berühmten Architekten von dem, was wir uns leisten müßten, um ein menschenwürdiges Dasein „Auge in Auge“ mit der Natur oder unserem Nächsten verbringen zu können. Dabei wird wohl schon Herr Neutra für die Bewobau in Hamburg seine Vorstellungen von dem, was einem amerikanischen Normalverbraucher zumutbar ist, erheblich reduziert haben.

Lassen wir Zahlen sprechen: Die Kosten des von Ihnen genannten Einfamilienhauses der Bewobau betragen 825 Mark pro Quadratmeter Wohnfläche. Rechnet man mit einem Zinsendienst von 6 1/2 vH, so ergibt das – ohne Kapitalisierung! – eine monatliche Miete von etwa 4,50 Mark je Quadratmeter. Für eine Familie mit. zwei heranwachsenden Kindern verschiedenen Geschlechtes werden wohl 100 Quadratmeter nicht allzu unbescheiden sein. Allein für die Miete – also ohne Heizung, Reparaturen, Kapitaldienst, Gebühren und Steuern – sind demnach von der Familie monatlich 450 Mark auf den Tisch zu legen. Legt man schon diese „bescheidene“ Zahl der zumutbaren Belastung einer vierköpfigen Familie von etwa 18 vH zugrunde, so müßte das Familieneinkommen monatlich 2500 Mark betragen.

Man wird einwenden, daß sich diese Lasten durch Sparen vor Baubeginn verringern lassen. Sparen bedeutet Kapitalisierung, aber auch Einschränkung. Unsere vierköpfige Familie hat also Bedarf zurückgestellt. Sie lebt mit den Möbeln der Großmutter, sie hat kein Auto, keinen Waschautomaten, sie macht keine Ferienreisen nach Italien, Marokko oder dem Vorderen Orient, und im übrigen ißt sie nur einmal in der Woche Fleisch – und Margarine statt Butter. Sie hat sich nämlich zum Ziel gesetzt, mit der „Miete“ auf 250 Mark monatlich herunterzukommen wahrscheinlich muß sie das, weil sie keine 2500 Mark monatlich verdient. Dann muß sie von den 82 500 Mark eines 100-Quadratmeter-Häuschens etwa 37 000 Mark vorher sparen. Aber rechne sich jeder einmal die Zahl X der Jahre aus, in denen er das schafft. Gewiß, für manchen dürfte X den Wert eins haben. Doch dürfte zum Beispiel für einen leitenden Angestellten der Industrie oder einen Beamten in gehobener Stellung diese Zahl X erheblich über 10 liegen.

Er muß also mit Sparen beginnen, wenn er noch gar keine heranwachsenden Kinder hat. Wahrscheinlich hat er dann aber als junger Ehemann auch nicht das Geld, um in dieser Weise sparen zu können. Hinzu kommt, daß kein Architekt das Projekt mit den Möbeln, Blattpflanzen, modernen Vollteppichen und Delfter Kaminen kalkuliert, mit denen die Bilder in unseren Bauzeitschriften so freigebig ausgestattet werden.

Und nun möchte ich an Herrn Neutra die Frage richten, wie hierzulande die geschilderte Normalfamilie eines sogenannten gehobenen Mittelstandes es machen soll, nicht Stoßstange an Stoßstange zu lebenf Ich bin gar nicht erstaunt, daß Herr Neutra in Amerika vor 4000 Personen, hierzulande nur vor 300 spricht.

Dipl.-Ing. Hans Neumann, Oberbaurat, Wentorf