Von Arno Schmidt

Ist „Finnegans Wake“, das große Alterswerk von James Joyce, einzig als mystisch-magisches Epos von „Jedermann“ zu verstehen, wie Campbell und Robinson es in ihrem „Skeleton Key“ taten? In dieser Artikelserie deutet Arno Schmidt das dunkle Werk als etwas ganz anderes, sehr viel weniger Feierliches: als James’ tausendfach verschlüsselte Schmähschrift auf seinen Bruder Stanislaus. Gegenstand des Bruderzwists war unter anderem James’ spätere Frau Nora. In der letzten Folge identifizierte Schmidt die Hauptpersonen des Romans – jetzt ergänzt er die Indizien: vor allem um ein zufällig gefundenes Brieffragment, aus dem James auf ein Verständnis zwischen Stanislaus und Nora schließen zu müssen glaubte; dieser Brief geistert auch durch „Finnegans Wake“.

„Das Dokument Nummer 1“ wird er auf Seite 482 genannt. Ein Dienstmädchen hatte ihn angebracht („Henne“ wird sie betitelt, weil sie das betreffende Einzelblatt gewissermaßen „aus dem Müll“ „gescharrt“ hatte –: und in diesem Müll lagen Apfelsinenschalen, die Hülle der Frucht, die Stanislaus notorisch gern aß: Beweis! (Wir freilich würden sagen: im Apfelsinenlande ein recht „unzureichender Grund“.) Aber dann liest man eben wieder – und es ist nicht ganz einfach, gegenüber einem Finnegans Wake einen klaren Kopf zu behaupten! –: „Wir saugten dieselbe Brust“, „we winked at the same wench“: „wir zwinkerten derselben Puppe zu!“ Noch, das heißt solange Stanislaus’ Tagebücher nicht zugänglich sind, ist nicht viel zu machen!

Gegen’s Licht gehalten, wies der „Brief“ Einstiche einer Gabel auf – sogleich wird, durchs ganze Buch hindurch, von „der Gabel des Herrn Brot-Fressors“ gesprochen! Die weitere Untersuchung, auf den Seiten 104 bis 125 ist sie ergötzlich ausgewalzt, ergab, daß das Blatt „Tee-Flecke“ aufwies. Und Stanislaus trank notorisch gern Tee: Beweis! (Wir freilich würden zweifeln: in einem Haushalt, wo vermutlich alle gern Tee tranken? ...) Aber sogleich setzen wieder die nichtsnutzigst-sinnreichen Wortspiele ein, à la „teastained“ – was also sinngemäß mit „Tee-Gestanist“ zu übertragen wäre – oder hämisch-verbindlichen Erkundigungen wie „Ich nehme an, du bewahrst deine Briefpost immer in deiner Orangerie auf?“ (Also im „Mülleimer“, bei „Apfelsinenschalen“. Auch ließ James sich sogleich einen „Owen Kay“, einen „eigenen Schlüssel“ = Nachschlüssel, zum gemeinsamen Briefkasten anfertigen.)

Der „rein menschliche Konflikt“ also kann zur Zeit nur (aus reinem „Mangel an Material“) gestreift, längst nicht „entschieden“ werden. Begreiflicherweise war Frau Nora – die nie vergessen konnte, daß sie von ihrer Tochter in der Armen-Abteilung der Klinik entbunden werden mußte („buchstäblich auf der Straße“, hat sie später finster einer Freundin anvertraut: als sie das Spital verließ, gab man ihr, um Gottes willen, noch ein Almosen von zwanzig Kronen mit auf den Heimweg!) – vielleicht nicht gleichgültig gegen den Anblick des in seiner Art recht bemerkenswerten Stanislaus. Und auch dieser scheint nicht unempfänglich für die Reize der Schwägerin gewesen zu sein (Ellmann, der es wissen müßte, deutet auch das an). Wogegen James – unsäglich überarbeitet; „von der Muse in Anspruch genommen“ in einer Art, von der ein Nicht-Schriftsteller sich überhaupt keinen Begriff machen kann: nach „Getaner Arbeit“, nach wahnsinnig komplizierter Sammel-, Feil- und Montage-Tätigkeit, bleibt einfach keine Energie mehr übrig, sich schöne Dinge wie „Charakter“ oder „Höflichkeit“ zu leisten – James also entwickelte, wie mehrere seiner Bekannten bescheinigen, bereits in mittleren Jahren „paranoische Züge“ und „Verfolgungswahn“.

Noch weit komplizierter ist das menschliche Verhältnis zwischen James und Stanislaus gewesen; wer hier der „Gentleman“ war und wer der „Schubiak“, wird sich noch lange nicht einwandfrei entscheiden lassen – angesichts des „totalen Krieges“, wie James ihn im Finnegan zu führen beliebt hat, ergreife wenigstens ich von vornherein erst einmal die Partei des „schwächeren“ Stanislaus.

Da jedoch das, was ich bisher beigebracht habe, manchem als Anhäufung von „Indizien“ erscheinen könnte, die aber bekanntlich nie „beweisend“ genug sind, möchte ich meine These nunmehr auch an ganzen Abschnitten exemplifizieren.