Und wenn auch, andererseits, Stanislaus nicht „auf Anhieb“ erkannt hat, wie das Wake sich, Vorabdruck nach Vorabdruck, immer nur gegen ihn richtete: allmählich sah er es doch. Und ertrug das kuriose Schicksal, sich bei lebendigem Leibe aufs genialst-unglaublichste, in aller Öffentlichkeit, glossiert und kommentiert zu sehen, mit ganz erstaunlicher Würde. „Mit der eigenen Leiche zu gehen“, lehnte er freilich ab; als James ihm, in wüstem Hohn, er selbst in dieser Beziehung weit pueriler als der geschmähte Bruder, ein Exemplar des fertigen Werkes offerierte, da lehnte Stanislaus die verruchte Gabe mit einer Handbewegung ab – dazu war er nun doch nicht Trottel genug.

Immerhin sah er allmählich voraus, daß eines schönen Tages vielleicht doch die Notwendigkeit einer Selbstverteidigung an ihn herantreten könnte; und es kann uns Heutige – nachdem die beiden Hauptbeteiligten längst zu Staub zerfallen sind – gewissermaßen doch „amüsieren“, wie die Brüder sich in späteren Jahren ständig mit „Enthüllungen“ gekontert haben. Wenn (immer frei nach Wake jetzt) James fauchte: „Was wiegt schwerer, du: ein Zaunpfahl oder eine Schreibfeder?!“ – dann grollte es von Stanislaus zurück: „Du kennst mich, bong; aber ich kenne dich auch, und alle deine Windbeuteleien!“ Und wieder James, zitternd vor Wut: „Klaa! Du könntest jegliche Pi-Pa-Passage genau so foin schreiben, ich wette, wie jener bewußte Verlauste auch, was Mick?!“ – und Stanislaus dagegen: „Eines schönen Tages, mein Lieber, wenn der Geist so recht über mir ist, und wenn ich mir auch mit der eigenen Zunge den Hals abschneiden sollte, ich steh’ dir nicht dafür, daß ich nicht Feder und Tinte zur Hand nehme und ein verdienstvolles Werk abfasse, daß dir und der Welt die Augen öffnen soll!“ Und James glaubte ihm nicht, sondern höhnte: „Na, Frank Shaun; wie würde denn wohl die Auto-Biographie aussehen, die deine quallige Rauch-Gestalt zustande brächte?... Tchja: wenn Standing Stones reden könnte!“

Und hier eben lag James’ Irrtum, denn Standing Stones“ konnte sehr wohl reden; wie jeder, der Meines Bruders Hüter gelesen hat, gern bescheinigen wird. Mehr noch: Stanislaus war ein nicht unbedeutender Schreiber (wie sich noch deutlicher herausstellen wird, wenn einmal die Originale seiner Tagebücher vorliegen werden); außerdem war er einer der ganz wenigen Männer in der Weltliteratur. Und der nunmehr Eingeweihte wird leicht erkennen, daß Meines Bruders Hüter unverkennbar als Gegenschrift zu Finnegans Wake angelegt ist.

Schon der bloße Titel übernimmt ja aufs furchtlos-aufrechteste eine der Behauptungen aus dem Wake: „Been ike his kindergardien?“ heißt es da ja immerfort: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Ähnlich verballhornt Seite 305 „my bloaters kipper“; und rund dreißigmal ist die Kain-Abel-Symbolik belegbar. Ein weiterer Beweis ist die Anlage des Hüter: James hatte sich, im Gegensatz zum „steinernen“ Bruder, runde einhundertmal als lebendiger „Baum“ im Wake gefeiert; also beschrieb Stanislaus das Leben des gehaßliebten Bruders in Ausdrücken der Entwicklung eines Baumes, „Erdreich/Keim/Vorfrühling/Ausschlagen/Erste Blüte“. Freilich ist bekannt, daß Stanislaus die spätesten Früchtchen jenes „Baumes“ als absolut faulfleckig nachzuweisen gedachte – „tu l’a voulu, George Dandin!“: „Der Gehetzte wird zum Verfolger; der Jäger zum Fuchs“, wie es im Wake steht.

Stellen sind nunmehr, nach Erscheinen des Hüter durchschaubar geworden, die sich ohne Stanislaus der Entzifferung vermutlich für immer entzogen hätten. Ich verwies bereits auf die Schülerzeichnung der Seite 308, die bisher den bodenlos feinsinnigsten Deutungen preisgegeben war. Wer wüßte noch von „Trumper und Spofforth“? Wer, daß es sich bei Wendungen wie „Thou art passing hence, my brother“, „Ob, twine me a bower“, der mehrfach auftretenden „Sally of the alley“, um verschollene häusliche Couplets des Joyce-Haushaltes handelte? „My cot, alas, the dear old shady home“? Prompt weist der Hüter nach, daß es sich um ein ohne ihn wohl unerkannt gebliebenes Jugendgedicht des Großen Bruders handelt. (Über eine Bosheit der gleichen Gattung hat mich auch Ellmann, von dem ich Nachricht hoffte, nicht aufklären können: als einziges Fragment von James’ erster Dichtung, der Ode an Parnell von 1891 hat Stanislaus uns diese Zeilen aufbehalten: „... his quaint-perched aerie on the crags of time / where the rude din of this ... Century / can trouble him no more.“ Nun finden sich aber, gleich im ersten Kapitel des berühmten Three Men von Jerome, das 1889 in erster Auflage erschien, die Zeilen von den Rast suchenden drei Männern, die sich sehnen nach „some quaint-perched eyrie on the cliffs of time, from whence the surging waves of the 19th Century would Sound far-off and faint.“ Bei Jerome ist die parodistische Absicht unverkennbar; er hat also noch einen älteren Vor-Mann: wer aber ist dieser?)

Bezüglich des „Briefes“ heißt es bei Campbell und Robinson in einer Anmerkung zu Seite 420 des Wake: „er ist weit gewandert; seine Adressen sind nicht zu ermitteln“ – der Hüter ergibt, daß es sich um die endlosen Umzüge der Familie Joyce aus der Dubliner Zeit handelt. Die „my back my back my back!“ papageienkreischende Missis Conway erscheint ebenso im Wake wie im Hüter; durch „Dublins fair City“ geht man in beiden Büchern; „1. s. d.“ heißt in beiden nicht „Pfund-Schilling-Pence“, sondern „laus Semper deus“. Das endlose „Pidgin-English“ des Wake ist deswegen hineingekommen, weil James für den Bruder den Spottnamen des „Chinesen“ erfunden hatte.

Und ein letzt-Gruseliges: wenn Stanislaus den Titel für sein Buch dem Wake entnahm, so ahmte er damit nichts weiter nach als das Beispiel des Großen Bruders: Finnegans Wake hat diese Bezeichnung höchstwahrscheinlich nur deswegen erhalten, weil dies das Lieblingslied des Bruders gewesen ist! (Wonach dann eine sinngemäße Obersetzung eigentlich zu lauten hätte: FINNEGANS WAKE: Rabatz bei Stanislaus’ Leiche.)