Von Fritz Ernst

Professor Dr. Fritz Ernst ist Ordinarius der Geschichtswissenschaft an der Universität Heidelberg.

Auch mögen die Zweifler erwägen, ob es nicht besser. sei, die Annäherung an die Vergangenheit werde von jemandem vollzogen, der sich immer wieder in Demut vor den Tatsachen beugt, als von jemandem, der, eine gekürzte Taschenausgabe von Hegel neben sich, die Geschichte in einen Rahmen vorgefaßter Ideen hineinpreßt, mögen sie dabei auch verstümmelt werden.

Hier wehrt sich einer gegen „geschichtsphilosophische“ Konstruktionen, aber er ist sich dabei wohl selbst bewußt, daß auch die „Demut vor den Tatsachen“ Raum für Subjektives läßt.

Die zitierten Sätze stehen in einem Vorwort von Paul Sethe, und er begründet in diesem Vorwort, daß er eine Deutsche Geschichte schreibe, obwohl er Journalist und nicht Gelehrter sei. Immerhin, er hat lange Geschichte studiert, und er ist nach einigen Jahren, die er als Redakteur verbracht hatte, noch einmal an die Universität zurückgekehrt, um noch als Dreißigjähriger mit einer Arbeit zur englischen Flottenpolitik vor und zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu promovieren. Seine Liebe gehörte auch weiterhin der Geschichte, mit seinen Berichten von alten europäischen Fürstenhöfen zeigte er, daß er sie bei gründlichen Quellenkenntnissen in leichtem feuilletonistischen Stil behandeln konnte. Schon in seinen letzten Büchern ist er von diesem Stil abgekommen, und auch das hier anzuzeigende hat nichts davon –

Paul Sethe: „Deutsche Geschichte im letzten Jahrhundert“; Scheffler Verlag, Frankfurt; 456 S., 24,– DM.

Der Mann, dessen berufliches Schicksal in den letzten Jahren die deutsche Öffentlichkeit wohl mehr beschäftigt hat als das irgendeines anderen deutschen Publizisten, über dessen Auftreten in den Spalten der ZEIT sich auch solche freuen, die seine Haltung in den Ost-West-Problemen unserer Tage nicht völlig zu der ihrigen machen können, hat keinen Grund, sich vor den „Gelehrten“ zu verstecken. Vergleichen wir seine Deutsche Geschichte mit der von Michael Freund, so ist diese, obwohl von einem Professor stammend, um vieles feuilletonistischer und viel stärker aktualisiert als das, was uns Sethe hier vorlegt; sie kommt auch oft viel rascher zu Urteilen, manchmal allzu rasch, so daß sie ihren Wert erst dann gewinnt, wenn sie ihre Leser zu den Quellen weiterführt. Sethe schreibt aus größerer Distanz, seine Leidenschaft ist viel gebändigter als die Freunds.