Reichsbank-Anteile waren die ersten Volksaktien

Die Bundesregierung und die hinter ihr stehenden Parteien befinden sich bei der hinausgezögerten Reichsbank-Abwicklung in einer schwierigen Lage. Sie wollen über sogenannte Volksaktien eine breite Eigentumsstreuung an Produktions-Unternehmen erreichen und tragen gleichzeitig dazu bei, daß bestehendes Eigentum benachteiligt wird. Die Beteiligung privater Aktionäre an der Reichsbank ist so alt wie die Bank selber, also etwa 70 Jahre. Bei ihrer Gründung im Jahre 1875 schuf man nur 1000-Mark-Aktien. Anfang dieses Jahrhunderts gab man auch Stücke zu 100,– Mark aus, und zwar mit der ausdrücklichen Begründung: „weiten Kreisen der mittelständischen Sparer Gelegenheit zu geben, dieses günstige Anlagepapier zu erwerben“. (Vergleiche Kommentar Schacht/Koch zum Reichsbankgesetz von 1924.)

In diesem Gesetz wurde die Rechtsstellung der Aktionäre den Zeiterfordernissen angepaßt. Eine Einschränkung gegen mögliche Aufkäufe von interessierten Gruppen bestand in der Stimmrechtsbeschränkung für Reichsbankaktien. Dieses Wertpapier ist als die erste deutsche Volksaktie anzusehen, da durch Gesetze der private Publikumsaktionär darin besonders gefördert wurde. Und das in einer Zeit, als auch ohne politische Propaganda weite Kreise des Mittelstandes, der freien Berufe, der Bauern und auch der Facharbeiter bereits Aktien kauften und damit für ihr Alter vorsorgten. Die Diskriminierung der Reichsbank-Aktionäre durch Bund und Bundestag trägt nicht dazu – und der Aktienmarkt dann doch noch zu seiner Weihnachts-Hausse kommt.

Nun wird man die Erwartungen allerdings nicht zu hoch schrauben dürfen. Wer die Lage analysiert, muß sich die Frage vorlegen: Wer soll (oder kann) jetzt Aktien kaufen? Die Ausländer? Ihre Haltung ist zur Zeit schwer vorauszusagen. Wenn man bei ihnen überhaupt von einer einheitlichen Haltung sprechen kann. Berücksichtigt muß allerdings werden, daß ein weiterer Abzug „heißer Gelder“, die in Erwartung einer DM-Aufwertung in die Bundesrepublik (auch in die deutschen Aktien) geflossen sind, bevorsteht, falls nicht über kurz oder lang eine neue Aufwertungsdiskussion aufleben wird. Andererseits gibt es ausländische Kreise, die das jetzt bei den deutschen Aktien erreichte Kursniveau zumindest als spekulativ interessant ansehen. Diese Leute haben in der vergangenen Woche IG-Farben-Nachfolger bei, die Glaubwürdigkeit von beiden bei ihrer Eigentumspolitik zu erhärten. Darüber wird in der kommenden Hauptversammlung der Reichsbank einiges zu sagen sein.

Kristian Hummel-Gross-Carzenburg, Isernhagen-Süd über Hannover