Von Theo Sommer

Es ist kein Witz, das amerikanische Außenministerium liegt wirklich im Nebelgrund – im Washingtoner Ortsteil Foggy Bottom nämlich. Dort, an der 21. Straße und der Virginia Avenue, erhebt sich der mächtige, im Führerbau-Stil aufgeführte Komplex des State Department. Und dort, in der holzgetäfelten Minister-Suite im fünften Stock, wird am 20. Januar der 56. Außenminister der Vereinigten Staaten einziehen: der Professor der Staatswissenschaften Dean Rusk.

Präsident Kennedy hatte den Mann, den er am Montag mit dem wichtigsten Portefeuille seines Kabinetts betraute, drei Tage zuvor zum erstenmal getroffen. Das war in seinem Haus in Georgetown, dem vornehmsten Viertel der amerikanischen Hauptstadt, wo die Amtsbewerber und die Amtsanwärter einander letzte Woche die Klinke in die Hand gaben. Fünfundvierzig Minuten lang sprachen Kennedy und Rusk miteinander – über allgemeine außenpolitische Fragen und über Probleme der Regierungsstruktur. Hinterher brachte Kennedy seinen Gast an die Haustür, entzog sich aber allen Fragen der Zeitungsleute.

Die Reporter wußten an jenem Tag, daß der künftige Präsident noch immer am liebsten den Senator J. W. Fulbright zum Außenminister machen wollte. Aber sie kannten auch die wachsende Opposition, die sich gerade in den liberalen Kreisen gegen Fulbright erhob: Ihm, dem Senator aus Little Rock, wurde seine laue Haltung in der Rassenfrage angekreidet, die nach Meinung vieler Amerikaner wenig dazu angetan wäre, den USA in Afrika und Asien Freunde zu gewinnen. Die gut unterrichteten Journalisten wußten ferner, daß der Kongreßabgeordnete Chester Bowles bereits aus der Kandidatenliste gestrichen war (der frühere US-Botschafter in Indien wurde mittlerweile zum stellvertretenden Außenminister ernannt), und daß der ehemalige Botschafter in Bonn, David K. Bruce, nur noch geringe Chancen hatte. Die Szene vor der Haustür gab ihnen zu denken, und sie stürzten sich in die Archive.

"Rusk, Dean; geboren am 9. Februar 1909 in Cherokee, Georgia, als Sohn eines Landpfarrers" – sehr viel war über den neuen Chef des State Department nicht zu finden. Er hatte Rechts- und Staatswissenschaften studiert, unter anderem als Rhodes-Scholar in Oxford und später auch an der Berliner Humboldt-Universität; dann war er mit 25 Jahren Professor an einem kleinen kalifornischen College geworden. Führte sechs Jahre lang ein geruhsames akademisches Dasein, heiratete eine seiner Schülerinnen, diente während des Zweiten Weltkrieges in Indien und Burma, zuletzt im Stabe General Stilwells. Aber ein zukünftiger Außenminister?

In den Auswärtigen Dienst geriet er erst 1946 – auf dem Umweg über das Verbindungsbüro des Kriegsministeriums. Bald war er stellvertretender Leiter der Abteilung Internationale Sicherheit; 1949 wurde er Unterstaatssekretär für UN-Angelegenheiten, 1951 Leiter der Fernost-Abteilung. Damals tobte in Korea der Krieg und in Washington der Senator McCarthy. Zusammen mit John Foster Dulles bereitete Rusk in jener Zeit den japanischen Friedensvertrag vor. Aber schon 1952 kam er um seinen Abschied ein und wurde Präsident der Rockefeller-Stiftung. Truman gab ihm warme Worte mit auf den Weg: "Wenigen jungen Leuten war es vergönnt, ihrem Lande so lange und so geschickt zu dienen..."

Das Wüten McCarthys in der Fernost-Abteilung hatte Rusk unangefochten überstanden – er gab einfach kein Ziel her, er bot keine Ecken und Kanten, an denen Anstoß zu nehmen war. Auch bei der Rockefeller-Foundation hielt er sich nobel im Hintergrund. So aber kam es, daß sich viele Amerikaner am Montag verwundert fragten: Rusk – was für ein Rusk?