Von Wolfgang Ebert

Was ich als meine Hauptaufgabe ansehe?“ wiederholte der neue Intendant eines deutschen Senders, der eben sein Amt angetreten hatte, meine Frage und dachte einen Augenblick nach. „Ich will es Ihnen sagen: Die Angst zu beseitigen, die bei uns in allen Abteilungen grassiert. Die Angst, irgendwo Anstoß zu erregen. Wir sind ja alle Leisetreter und Duckmäuser geworden. Wir weichen ja vor jedem Widerstand zurück. Das muß aufhören! Unsere Sendungen müssen wieder schärfer und kühner werden!“

Das Telephon surrte. Er hob den Hörer ab. „Ja, Ihr Kommentar ist mir vorgelegt worden. Einverstanden! Bis auf den letzten Absatz, den bitte ich zu streichen, das gibt Scherereien mit der SPD, vielen Dank!“ Er legte den Hörer auf. „Wo war ich stehengeblieben?“

„... schärfer und kühner werden“, wiederholte ich seine letzten Worte.

„Richtig! Schluß mit dieser Furcht, sich bei irgendwem unbeliebt zu machen. Solange ich Intendant bin, wird dieser Sender nicht davor zurückschrecken, auch mal gehörig anzuecken! Wir sind ja viel zu zahm geworden. Und darum auch so langweilig! Wir wollten es allen recht machen, das war unser Fehler...“ Die Sekretärin des Intendanten kam herein und legte ihm einige Papiere zur Unterschrift vor. „Bestellen Sie bitte Herrn Klarges, mir seien doch Bedenken gekommen wegen dieses Fernsehspiels ‚Lieben und lieben lassen‘. Wir müssen an den Kardinal denken. Nach 21 Uhr sei ja Ehebruch erlaubt, ich meine auf dem Bildschirm, aber den Ehebrechern sollte man doch anmerken, daß es ihnen nicht den geringsten Spaß macht. Wenn er den Autor dazu bringt, das zu ändern ...“

„Sie entschuldigen ...“, sagte der neue Intendant und wandte sich mir wieder zu, „... und wir werden uns auch nicht scheuen, mal ein paar heiße Eisen anzupacken!“

„Großartig! Wie wäre es denn mit den Vertriebenenverbänden?“ sagte ich, um auch mal eine Idee beizusteuern.