Araber und Europäer sagen: „Unsere Hoffnungen sind zerschlagen!“

Von Egon Vacek

Algier, Mitte Dezember

Ihr dreckigen Schweine“, schrie die alte Frau im Morgenrock, dann warf sie einen schweren Blumentopf vom Dach auf die Straße. Er hätte mit, bald den Schädel eingeschlagen. „Ihr dreckigen Schweine, geht nach Hause und laßt die Europäer hier zufrieden.“ Neben mir trat der Soldat der Gendarmerie Mobile, der vor der Blumentopf-Gefahr in volle Deckung gegangen war, wieder aus dem Hauseingang heraus. Ihm hatte der Wutausbruch der alten Frau gegolten, ihm und seinen 2000 Kameraden, die an diesem Sonnabend gegen fast 5000 junge Europäer um den Besitz der Rue Michelet zu Algier kämpften. Gegen Europäer, die sich von de Gaulle und Frankreich verraten fühlen, weil sie die Algerie Française nicht aufgeben wollen.

Der Soldat klaubte die Maschinenpistole vom Pflaster auf, worauf die alte Frau schnell vom Dach verschwand. „Nicht ’mal schießen dürfen wir“, schrie er mir empört zu. „Wir dürfen nur einstecken.“

Seit General de Gaulle am Freitag in Algerien eintraf, um den Mohammedanern seine Pläne für ihre Selbstbestimmung und Unabhängigkeit schmackhaft und den Europäern und Militärs klar zu machen, daß er von ihnen jetzt Vernunft und Gehorsam erwarte, seitdem hat es in Algier keine ruhige Minute mehr gegeben. Seitdem kämpfen Ultras gegen die Gendarmerie Mobile, seitdem greifen Europäer Muselmanen an, seitdem ist es zu einem fanatischen Kampfausbruch der Moslems gegen die Europäer gekommen, seitdem sind die Paras, die Fallschirmjäger, gegen Muselmanen eingesetzt worden, welche die Fahne der Aufständischen geführt, ihre Lieder gesungen und ihre Forderung „Ferhat Abbas an die Macht“, vertreten hatten, seither hat es über 100 Tote und ungezählte Verletzte gegeben, seitdem liegen die Weihnachtsdekorationen in den Prachtstraßen von Beicourt zertreten im Straßendreck oder zieren die Überreste von Barrikaden. Seitdem säumen Hunderte von zertrümmerten oder ausgebrannten Autos den Straßenrand, seitdem haben hier auch die letzten Optimisten die Hoffnung verloren, daß es zu einem Verhandlungsfrieden zwischen Frankreich und dem aufständischen FLN kommen könne, seitdem will hier niemand mehr recht glauben, daß es ein friedliches Nebeneinanderleben von Europäern und Moslems in einer Republik Algerien überhaupt noch geben wird.

Grüne Fahnen in der Kasbah