Der Welt-Marshall-Plan, seine Voraussetzungen und unser Beitrag (II)

Von Fritz Baade

Professor Baade, Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, hat in der vorigen Nummer geschildert, wieviel Kapital in den Entwicklungsländern bereits versenkt wurde. In der heutigen Fortsetzung vertritt er die Meinung, mit Kapital allein sei nichts gerettet, alles komme darauf an, die in diesen Ländern brachliegende Arbeitskraft zu aktivieren – nur auf diese Weise könne das Sozialprodukt rasch vergrößert werden.

Wenn der Welt-Marshall-Plan für die Entwicklungsländer ein Erfolg werden soll, brauchen wir drei Dinge:

1. Geld, und zwar erschreckend viel Geld,

2. Planung, und zwar eine Planung von höchstem Nutzeffekt,

3. bei uns selbst aber eine höher entwickelte Fähigkeit zur geistigen Hilfe.

Einen gewissen Begriff von den Geldsummen, die erforderlich sind, bekommen wir, wenn wir Indien betrachten: Die Bevölkerung Indiens wächst jetzt jährlich um 6 Millionen Menschen. In fünfzehn Jahren wird sie um 100 Millionen Menschen größer sein als heute. Wenn das Nahrungsdefizit nicht so groß werden soll, daß es jede denkbare Hilfsaktion übersteigt, dann muß Indien seine eigene Produktion in raschem Tempo steigern.

Grundsätzlich ist dies möglich. Der Reisertrag liegt in Indien bei nur 10 Doppelzentnern je Hektar, in Japan ist er viermal so groß. Während Japan (ebenso wie China) eine vorzügliche Düngerwirtschaft unter Ausnutzung aller menschlichen und tierischen Abfallstoffe entwickelt hat, wird in Indien der größte Teil des Kuhmistes getrocknet und verbrannt. Das muß endlich aufhören, und vor allem muß Indien endlich anfangen, in größerem Umfang Handelsdünger zu verbrauchen.

Japan hat einen Stickstoffverbrauch von 100 kg je Hektar. Wenn die indische Landwirtschaft auf den japanischen Verbrauch gebracht würde, so würde Indien allein eine Stickstoffmenge verbrauchen, die fast doppelt so groß ist wie die heutige Weltproduktion. Solche Zahlen könnten natürlich nur im Laufe eines Aufbauplanes von vielen, vielen Jahren erreicht werden. Die Ford Foundation hat geschätzt, daß Indien im Jahr 1965/66 einen Verbrauch von etwa 3 Millionen Tonnen haben müßte (das Vierzigfache des heutigen Verbrauchs).

Das würde aber einen jährlichen Devisenaufwand von 3 Milliarden DM erforderlich machen. Der größte Teil des Handelsdüngers wird also geschenkt werden müssen. Aber das ist immer noch sinnvoller als den vierfachen Betrag für das Schenken der Nahrung selbst aufzubringen.

Dabei ist die Deckung des Handelsdüngerbedarfs bei aller Wichtigkeit natürlich nur ein Bruchteil dessen, was Indien braucht, um lebensfähig und unabhängig von weiterer Hilfe zu werden.

Die indische Bevölkerung macht etwa 40 vH der heutigen Bevölkerung der Entwicklungsländer aus. Legt man die indischen Erfahrungen zugrunde, so läßt sich errechnen, daß die Investitionen und Hilfen für die Entwicklungsländer jährlich die Größenordnung von 15 Mrd. Dollar erreichen dürften. Der Zeitraum, für den diese Hilfe gewährt werden muß, ist schwer übersehbar. Zehn Jahre dürften ungenügend sein, die Zahl von fünfzehn Jahren wird eine realistischere Zahl sein. Die Hilfe, die notwendig ist, um die Entwicklungsländer aus der strukturellen Krankheit ihrer Nahrungs- und Zahlungsbilanz herauszubringen, liegt infolgedessen in der Größenordnung von 150 bis 225 Mrd. Dollar.

„Aber das sind doch astronomische Zahlen!“ wird der entsetzte Leser sagen. „15 Mrd. Dollar jährlich – das wäre ein Fünftel der jährlichen Rüstungsaufwendungen der hochgerüsteten Industrievölker in Ost und West! 150 bis 225 Mrd. Dollar in zehn bis fünfzehn Jahren – das wäre mehr, als der Erste Weltkrieg gekostet hat!“

„Aber weniger, als der Zweite Weltkrieg gekostet hat, und vor allem wesentlich weniger, als ein dritter Weltkrieg in seiner ersten Stunde kosten würde!“ Es erscheint völlig ausgeschlossen, daß die Länder der westlichen Welt im Rahmen ihrer heutigen öffentlichen Haushalte eine Entwicklungshilfe in dieser Größenordnung aufbringen können. Eine erhebliche Rüstungsverminderung und die Verwendung eines Teils der so erzielten Ersparnisse für die Entwicklungshilfe ist ziemlich sicher die einzige Möglichkeit, um solche Summen überhaupt aufzubringen.

Und nun zur Planung: Die erste Erkenntnis, zu der wir uns hier durchringen müssen, ist die, daß die Planung weltumspannend sein muß. Der Streit, der heute in Deutschland darüber geführt wird, ob unsere Hilfe bilateral oder multilateral sein soll, ist völlig müßig. Vielleicht kann die Hilfegewährung im einzelnen Fall bilateral sein, die Planung der Hilfe muß global und damit multilateral sein, wenn nicht eine solche Verschwendung der Gelder erfolgen soll, daß das ganze Hilfswerk daran scheitert.

Bei allem Respekt vor der politischen Souveränität der Entwicklungsländer werden bei der Planung die hilfeleistenden Länder in starkem Maße mitwirken müssen. Hier ist wieder der Marshall-Plan das beste Beispiel. Der Einsatz der Marshall-Plan-Gelder in Deutschland wurde in gemeinsamen Gremien der hilfeleistenden Amerikaner und der hilfeempfangenden Deutschen durchgeführt. Oberstes Prinzip für die Priorität von Investitionsvorhaben war die Frage, wie weit die Investition geeignet war, in der deutschen Zahlungsbilanz Dollar zu sparen oder zusätzlich Dollar einzubringen. Das Prinzip des „dollar saving“ und „dollar earning“ hat sich wahrhaftig bewährt. Die Deutschen haben mit so viel Erfolg von ihrem amerikanischen. Lehrmeister gelernt, Dollar zu sparen und mehr Dollar einzunehmen, daß der Schüler jetzt den Lehrer übertrifft.

Nach dem gleichen Prinzip muß auch die Investitionsplanung in den Entwicklungsländern erfolgen. Ein zäher Kampf wird gegen Fehlplanungen, insbesondere gegen Investitionen, die zwar auch schön und vielleicht auch wichtig, aber eben nicht vordringlich wichtig sind, geführt werden müssen.

Noch schwerer wird vielleicht die entscheidende Aufgabe sein, die Entwicklungsländer zur Mobilisierung der wichtigsten Kapitalreserve zu bringen, über die sie verfügen, nämlich der unbeschäftigten Arbeitskräfte auf den Dörfern. Im Bericht der Food and Agricultural Organisation (FAO) über die Türkei wurde festgestellt, daß Millionen von Menschen in den türkischen Dörfern nur wenige Wochen im Jahr in der Landwirtschaft Arbeit haben und daß sie den größten Teil des Jahres müßig zu Hause sitzen. Und dies, obgleich es in jenen Dörfern große Investitionsaufgaben in der Infrastruktur gibt: Terrassierung der Hänge, Erosionsbekämpfung, Verbesserung des Nutzeffekts des Bewässerungswassers durch ein besseres Kanalnetz und in vielen Fällen auch Drainage. Wir haben im FAO-Bericht festgestellt, daß die Mobilisierung dieser brachliegenden Arbeitskräfte nur auf dem Wege eines militärisch organisierten Arbeitsdienstes möglich ist.

Arbeitskräfte liegen brach

In Indien mit seinen 440 Mill. Menschen kann man die Zahl der Arbeitskräfte im erwerbsfähigen Alter auf 200 Mill. beziffern, von denen mindestens 100, vielleicht sogar 150 Mill. insofern arbeitslos sind, als nie nur während eines Teils des Jahres in ihrer Zwerglandwirtschaft etwas zu tun haben, den größten Teil des Jahres sitzen auch sie müßig in ihren Dörfern. Gelingt es, diese Menschen zur Arbeit zu bringen, so wird im Laufe der Zeit jeder von ihnen ein Sozialprodukt von 200 Dollar jährlich hervorbringen. 100 Millionen Arbeitslose könnten also ein zusätzliches Sozialprodukt von 20 Milliarden Dollar jährlich erzeugen.

Die Situation in Kontinental-China war vor der kommunistischen Revolution ähnlich. Auch dort saßen die Menschen den größten Teil des Jahres untätig in ihren Dörfern. Mit den kommunistischen Methoden ist die Mobilisierung dieser Arbeitskraft gelungen, und die landwirtschaftliche Produktion wurde trotz aller Rückschläge der letzten Jahre im gleichen Zeitraum mindestens sechsmal so stark gesteigert wie in Indien. Es ist eine Lebensfrage für die ganze Menschheit, ob es gelingt, diese Mobilisierung auch mit anderen als totalitären Methoden zu vollbringen.

Und nun schließlich zur geistigen Hilfe. Wenn man sich überlegt, welche Armeen von Beratern in die Entwicklungsländer geschickt werden müßten und welche Armeen von Nachwuchskräften aus den Entwicklungsländern in unseren Technischen Schulen, an unseren Universitäten und in unserer Wirtschaft ausgebildet werden müßten, so möchte man angesichts der Größe dieses Problems fast verzweifeln. Unerläßlich ist dabei, daß denjenigen, die wir hinausschicken, in der Heimat die volle Sicherheit für ihre weitere Existenz nach der Rückkehr gegeben wird. Die, welche hinausgehen, sind Verteidiger der Lebensinteressen ihres Volkes in einem noch höheren Sinne als es der Soldat im Kriege ist. Ihre Stellung muß daher dementsprechend gestaltet werden.

Ein erheblicher Teil aber der Entwicklungshilfe wird dazu benutzt werden müssen, um unser eigenes unterentwickeltes Ausbildungswesen in Ordnung zu bringen. Nur wenn die Kapazität unserer Ausbildungsmöglichkeiten vergrößert wird, können die Ingenieure, die wir selber brauchen, und gleichzeitig die Nachwuchskräfte der Entwicklungsländer ausgebildet werden. Dabei ist auf die einfache Mechanikerausbildung wohl noch mehr Gewicht zu legen als auf das Heranziehen von Diplomingenieuren.

80 Prozent fielen durchs Examen

Vor allem aber muß dafür gesorgt werden, daß die in Deutschland ausgebildeten Nachwuchskräfte der Entwicklungsländer auch tatsächlich das „Ziel der Klasse“ erreichen. Wie nötig das ist, dafür nur ein Beispiel: An einer Technischen Hochschule sind 80 vH der aus den Entwicklungsländern kommenden Kandidaten beim Examen durchgefallen. Wer Asien und Afrika aus persönlicher Erfahrung kennt, weiß, was das für eine Katastrophe nicht nur für den jungen Studenten aus dem Entwicklungsland, sondern auch für das ausbildende Land ist. In eine Kleinstadt in Asien oder in ein Dorf in Afrika als durchgefallener Student zurückzukehren, das ist eine Situation, mit der der Betreffende nur fertig werden kann, indem er dem Gastland die Schuld gibt. Für den Rest seines Lebens wird er gegen jenes Land agitieren.

Unsere Ausbildungsstätten müssen mit Einrichtungen gekoppelt werden, in denen die Studenten aus den Entwicklungsländern nicht nur genügend Deutsch lernen, sondern für ihr Studium so vorbereitet werden, daß sie es mit Erfolg absolvieren können. Während des Studiums ist eine ständige Betreuung erforderlich.

Noch ein Wort: Das, was wir über die Wirtschaftsstruktur der Entwicklungsländer und ihre Einzelprobleme wissen, steht in einem erschreckenden Mißverhältnis zu den Geldsummen, die wir uns anschicken auszugeben. Wenn dieses Wissen nicht erweitert wird, ist das Unternehmen ziemlich aussichtslos. Es darf aber nicht aussichtslos werden, denn die Zukunft unserer Kinder und Enkel steht auf dem Spiel.