Einen gewissen Begriff von den Geldsummen, die erforderlich sind, bekommen wir, wenn wir Indien betrachten: Die Bevölkerung Indiens wächst jetzt jährlich um 6 Millionen Menschen. In fünfzehn Jahren wird sie um 100 Millionen Menschen größer sein als heute. Wenn das Nahrungsdefizit nicht so groß werden soll, daß es jede denkbare Hilfsaktion übersteigt, dann muß Indien seine eigene Produktion in raschem Tempo steigern.

Grundsätzlich ist dies möglich. Der Reisertrag liegt in Indien bei nur 10 Doppelzentnern je Hektar, in Japan ist er viermal so groß. Während Japan (ebenso wie China) eine vorzügliche Düngerwirtschaft unter Ausnutzung aller menschlichen und tierischen Abfallstoffe entwickelt hat, wird in Indien der größte Teil des Kuhmistes getrocknet und verbrannt. Das muß endlich aufhören, und vor allem muß Indien endlich anfangen, in größerem Umfang Handelsdünger zu verbrauchen.

Japan hat einen Stickstoffverbrauch von 100 kg je Hektar. Wenn die indische Landwirtschaft auf den japanischen Verbrauch gebracht würde, so würde Indien allein eine Stickstoffmenge verbrauchen, die fast doppelt so groß ist wie die heutige Weltproduktion. Solche Zahlen könnten natürlich nur im Laufe eines Aufbauplanes von vielen, vielen Jahren erreicht werden. Die Ford Foundation hat geschätzt, daß Indien im Jahr 1965/66 einen Verbrauch von etwa 3 Millionen Tonnen haben müßte (das Vierzigfache des heutigen Verbrauchs).

Das würde aber einen jährlichen Devisenaufwand von 3 Milliarden DM erforderlich machen. Der größte Teil des Handelsdüngers wird also geschenkt werden müssen. Aber das ist immer noch sinnvoller als den vierfachen Betrag für das Schenken der Nahrung selbst aufzubringen.

Dabei ist die Deckung des Handelsdüngerbedarfs bei aller Wichtigkeit natürlich nur ein Bruchteil dessen, was Indien braucht, um lebensfähig und unabhängig von weiterer Hilfe zu werden.

Die indische Bevölkerung macht etwa 40 vH der heutigen Bevölkerung der Entwicklungsländer aus. Legt man die indischen Erfahrungen zugrunde, so läßt sich errechnen, daß die Investitionen und Hilfen für die Entwicklungsländer jährlich die Größenordnung von 15 Mrd. Dollar erreichen dürften. Der Zeitraum, für den diese Hilfe gewährt werden muß, ist schwer übersehbar. Zehn Jahre dürften ungenügend sein, die Zahl von fünfzehn Jahren wird eine realistischere Zahl sein. Die Hilfe, die notwendig ist, um die Entwicklungsländer aus der strukturellen Krankheit ihrer Nahrungs- und Zahlungsbilanz herauszubringen, liegt infolgedessen in der Größenordnung von 150 bis 225 Mrd. Dollar.

„Aber das sind doch astronomische Zahlen!“ wird der entsetzte Leser sagen. „15 Mrd. Dollar jährlich – das wäre ein Fünftel der jährlichen Rüstungsaufwendungen der hochgerüsteten Industrievölker in Ost und West! 150 bis 225 Mrd. Dollar in zehn bis fünfzehn Jahren – das wäre mehr, als der Erste Weltkrieg gekostet hat!“