Ende November erhielten verschiedene Schriftsteller und Journalisten in der Bundesrepublik eine Einladung zur 12. Generalversammlung des Deutschen PEN-Zentrums Ost-West nach Hamburg. Vorgesehen waren drei Veranstaltungen am 7., 8. und 9. Dezember. Eine über „Tolstoj“, eine zweite über den „PEN-Klub in unserer Zeit“ und schließlich eine Autoren-Lesung. Eine der drei Veranstaltungen sollte im Künstlerclub die insel stattfinden, während für die beiden anderen schon Wochen zuvor zwei kleinere Hörsäle in der Universität gemietet worden waren.

Unterzeichnet war die Einladung vom Präsidenten des PEN-Zentrums Ost-West, Arnold Zweig. Mit ihm kamen nach Hamburg verschiedene Schriftsteller gereist, deren Namen gleich dem Zweigs in den viel gerühmten zwanziger Jahren einen guten Klang hatten: beispielsweise Ludwig Renn, ferner junge Dichter und SED-Mitglieder wie Stephan Hermlin und schließlich eine Reihe von Leuten, bei denen man nicht recht weiß: Soll man sie nur zu den Funktionären rechnen oder sind sie auch noch Schriftsteller?

Nun muß man wissen, daß das Deutsche PEN-Zentrum Ost-West mit Sitz in Ostberlin im Jahre 1951 übrigblieb, als die Mehrzahl der westdeutschen Schriftsteller, geführt von Erich Kästner, sich abspalteten und das deutsche PEN-Zentrum Bundesrepublik mit Sitz in Darmstadt gründeten. Eine Reihe westdeutscher Schriftsteller und Intellektueller blieb allerdings im alten PEN-Klub. Unter den heutigen Mitgliedern: Hans Erich Nossack und Hans-Georg Brenner, der Erste Vorsitzende des Schutzverbandes deutscher Autoren Nord-West. Beide „Zentren“ sind Mitglieder des Internationalen PEN-Klubs in London.

Man konnte also gespannt sein auf diese Veranstaltung, deren allerdings eindeutig kommunistischer Charakter dadurch unterstrichen wurde, daß Wilhelm Girnus, der östliche „Staatssekretär für das Hochschulwesen“, die Gruppe begleitete. Nun würde man die geistige Elite der Zone einmal von Angesicht zu Angesicht sehen, würde ihre Argumente hören und ihnen die eigenen entgegensetzen können.

Bisher hatten sie nach Möglichkeit jede Diskussion gemieden. Sie geben Journalisten aus der Bundesrepublik nur ungern eine Einreise-Erlaubnis, sie verbieten unsere Bücher und Zeitungen in ihrer Zone, bestrafen den, der unsere Sender hört. Aber nun endlich würden sich unsere Schriftsteller und Intellektuellen einmal mit ihnen messen können – welche Chance! Welche Verantwortung!

Aber es kam anders, denn Verantwortung ist nicht jedermanns Sache. Auch nicht im Westen, der sich auf die Freiheit seines Geistes einiges zugute tut. Als die Gruppe aus Ostberlin bereits in Hamburg eingetroffen war, wohlgemerkt erst, als sie eingetroffen war, erwachten die Behörden der Hansestadt aus ihrem Schlaf. (Wer mag sie wohl aufgerüttelt haben, sie, die die Plakate seit Tagen hatten hängen sehen, ohne daran Anstoß zu nehmen?) Aber nicht etwa der Schul- oder der Kultursenator ergriff die Initiative – sie wären vielleicht auf die Idee gekommen, man müsse dem kommunistischen Geist den demokratischen Geist entgegenstellen – nein, der Polizeisenator, Dr. Kröger, griff auf eigene Faust ein.

Erließ er nun wenigstens ein polizeiliches Gebot? Wies er auf bestehende Gesetze hin, denen solche Veranstaltungen zuwider laufen? Appellierte er an den Rechts-Sinn der Hamburger Bürger? Ach, nein! Er appellierte an ihren Untertanen-Sinn. Er führte ein paar Telephongespräche. Erfolg: Der Rektor der Universität rief: „Man hat mich hintergangen“; die Schulverwaltung sagte: „Wir ziehen die Hörsaal-Zusagen zurück“; der Künstlerclub die insel meinte: „In unseren Räumen nicht.“ Eine Zeitung schrieb etwas von einer „Tarnorganisation“.