b. k., Berlin

Der Umfang seiner Schiebungen war einmalig“, erklärte der Vorsitzende der 6. Großen Strafkammer des Westberliner Landgerichts, Landgerichtsdirektor Müller. Er meinte damit die Geschäfte des 41jährigen Kaufmanns Hans-Joachim Meister, der am 8. Dezember wegen Genehmigungserschleichung und illegaler Ausfuhr zu fünf Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 2,1 Millionen Mark verurteilt wurde. Berlin erlebte seinen größten Wirtschaftsprozeß der Nachkriegszeit.

In der Zeit von 1956 bis 1959 hatte Meister – nach den Feststellungen des Gerichts – rund 31 000 Tonnen Stahl- und Eisenprodukte im Verkaufswert von fast 40 Millionen Mark aus der Bundesrepublik in die Sowjetzone verschoben. Meisters Gewinn belief sich auf 5,3 Millionen Mark. Die Methode dieses einträglichen Geschäftes war denkbar einfach: Als Land des Endempfängers gab der wendige Kaufmann, wenn er die Ausfuhrgenehmigungen beantragte, Polen, Großbritannien oder die Sowjetunion an. Er selbst trat natürlich nicht in Erscheinung, sondern eine in der Liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz residierende Firma mit dem Namen OTRA (Overseas Trading Trust). Die OTRA aber gehörte zur Meister-Gruppe, einer Geschäftsorganisation, die in dieser Form nur in der Treibhausluft des interzonalen Wirtschaftswunderlandes hatte gedeihen können.

Hans-Joachim Meister, Schlachterssohn aus Schlesien, hatte den Krieg 1945 als Hauptfeldwebel der Luftwaffe irgendwo im Bayrischen beendet. Der schöne Zufall fügte es, daß er sich gleich von ersparten 16 000 baren Reichsmark vier Lastzüge kaufen konnte und mit ihnen ins Transportgeschäft einstieg. Ungeschickterweise verwinkelte sich der Lastzugbesitzer in Schwarzmarktgeschäfte, die ihm ein Jahr Zwangspause im Gefängnis einbrachten. Nach seiner Entlassung begann er – wie er sagte – die Lage am Eisenmarkt zu analysieren: „Im Jahr 1950 fand ich eine französisch-schweizerische Industriellengruppe, die auf diesem Gebiet etwas investieren wollte.“ Die Namen dieser Interessenten blieben während des Prozesses unerwähnt. Meister meinte dazu: „Ostgeschäfte macht man gern; aber man hat nicht gern, wenn darüber gesprochen wird.“

Meister machte die Ostgeschäfte nicht nur gern, er hatte auch Erfolg damit. Im Jahr 1953 gründete er mit 100 000 Mark Kapital in Westberlin eine eigene Firma. Zwei Jahre später kaufte er für weitere 300 000 Mark den Firmenmantel eines kurz vor dem Konkurs stehenden Unternehmens, der ERAG (Eisen-, Röhren-, Armaturengroßhandel), mit dessen Hilfe er dann später ganz groß ins Geschäft einstieg: Die ERAG wurde Lieferant der OTRA. Die Gewinne, die Meisters Geschäfte abwarfen, reichten aus, um 1957 noch die Berliner Import- und Export-Bank AG zu gründen, bei der sich der gewandte Kaufmann selbst mit zwei Millionen Mark am Stammkapital beteiligte, und um Grundstücke im Wert von 1,3 Millionen Mark zu kaufen.

Im Hintergrund: Politik

Nach monatelangen Vorarbeiten der Zollfahndung wurde endlich am 9. Juli vorigen Jahres der Haftbefehl gegen Meister vollstreckt. Der Verhaftete bot 1,5 Millionen Mark Kaution, aber er wurde nicht freigelassen. Dazu war der Fisch zu groß, den man gefangen hatte. Überdies hatte die Affäre auch noch politisches Gewicht. Nicht nur, daß sich Meister stets freimütig und öffentlich für den Ost-West-Handel eingesetzt hatte – seine schönsten geschäftlichen Erfolge stammten aus jener Zeit, da die Bundesregierung durch Drosselung der offiziellen Interzonenhandels-Stahllieferungen die Sowjetzonen-Regierung zwingen wollte, die gestoppten Braunkohlenlieferungen wieder aufzunehmen, die besonders für Westberlin wichtig waren.