Paris, im Dezember

Nach dem roten Sonntag in Algier, der weißen Stadt am Meer, behauptete der französische Oberkommandierende in Algerien, General Crépin: „Die Demonstrationen kann man auf keinen Fall als den Ausdruck des freien Volkswillens bezeichnen.“ Begründung: Von den 200 000 Muselmanen der Casbah von Algier hätten nur 15 000 für den FLN manifestiert. Von den 300 000 „Weißen“ der Stadt sogar ein noch kleinerer Prozentsatz für die Gegenthese, für „Algerie Française“.

General de Gaulle ließ inzwischen verkünden, daß er die Schuldigen, also die Rädelsführer beider extremistischen „Minderheiten“, bestrafen werde. Diesmal, im Gegensatz zu den Putschisten vom 24. Januar, exemplarisch. Der General ist also offenbar der Ansicht, die Mehrheit sei für seine „Algerie Algerienne andernfalls nämlich gäbe es zu viele, die er bestrafen müßte.

Die tragischen Ereignisse vom 9. bis 13. Dezember 1960 geben keinen Aufschluß über die Frage, wer nun eigentlich die Mehrheit in Algerien hinter sich hat: De Gaulle, Ferhat Abbas oder Soustelle. Getötet, massakriert und gelyncht wurden muselmanische FLN- Anhänger, muselmanische Algerie-Française-Anhänger, muselmanische Algerie-Algerienne-Anhänger, europäische Algerie-Française-Anhänger und französische „neutrale“ Ordnungsmannschaften. Sie wurden getötet und sie haben getötet.

So gesehen, kann niemand General Crepin widerlegen. Es gibt offenbar keine einheitliche Volksstimmung. Wenn es aber so ist, dann versteht man auch besser die Gespaltenheit der französischen Armee und der Polizei in Algerien. Sie zeigte sich auch diesmal, wenn vielleicht auch nicht so deutlich wie im Januar. Der eine Oberst ist eben mehr für die Ultras, der andere mehr dagegen. Der eine glaubt daran, daß Franzosen mit Algeriern brüderlich zusammenleben können, der andere nicht. Der eine Fallschirmjäger-Offizier gibt den Befehl, auf Muselmanen zu schießen, der andere hält dies für ein Verbrechen.

Oberst Dujour, der Mann, der – für de Gaulle? – damals mit Lagaillarde den Fall der Barrikaden aushandelte, wurde während der Unruhen mit Waffengewalt aus Algerien nach Paris transportiert und verschwand hinter Festungsmauern; ein anderer Offizier bekam eine Belobigung, weil er treu blieb. Zwei Stadträte von Algier wurden verhaftet, weil sie für die Aufforderung zum Generalstreik und damit für die Demonstrationen der Europäer – oder noch genauer: der Algerie-Française-Anhänger in Algier – mitverantwortlich gemacht wurden.

Das Neue und eigentlich Beunruhigende an dem Aufruhr in Algerien aber ist nicht der Zusammenprall der politischen Fronten, sondern der Haß zwischen zwei verschiedenen Völkern, der Haß zwischen zwei Rassen und zwei Religionen.